1. Startseite
  2. Rhein-Main

„Die Realität birgt auch immer Schönheit in sich“

Erstellt:

Von: Boris Halva

Kommentare

Die Karo leben im Omo Tal in Äthiopien. Markus Mauthe hat die beiden Kinder fotografiert, die sich für ein Fest geschmückt haben.
Die Karo leben im Omo Tal in Äthiopien. Markus Mauthe hat die beiden Kinder fotografiert, die sich für ein Fest geschmückt haben. Mauthe © Markus Mauthe

Davon will der Fotograf Markus Mauthe auch in seinem Vortrag auf dem „Weitsicht“-Festival in Darmstadt berichten. Ein Gespräch über kitschige Fotos, Weltschmerz – und wieso Wandel nicht nur schlecht ist

Herr Mauthe, Sie erkunden seit drei Jahrzehnten die Ränder der Welt, wie Sie es nennen. Sie haben als Fotograf die Schönheit der Natur eingefangen und erzählen Geschichten von Menschen, die fern unserer modernen Zivilisation noch recht ursprünglich leben. Geht das heute noch? Ursprünglich leben?

Man darf sich kein falsches Bild machen, der Wandel auf der Welt ist allumfassend. Aber Wandel ist ja nicht immer schlecht. Ich gehöre nicht zu denen, die sagen, es sei falsch, wenn diese oder jene indigene Gruppe nicht mehr im traditionellen Gewand auf die Jagd geht. Wenn diese Menschen einen Fernseher in ihre Hütte stellen oder moderne Kleidung tragen wollen, ist das ihr gutes Recht. Vor allem dann, wenn sie es auf natürliche Weise mitbekommen und sich dafür entscheiden. In Frankfurt oder am Bodensee, wo ich herkomme, leben wir ja auch nicht mehr so wie vor hundert Jahren. Der Unterschied zu indigenen Völkern ist aber, dass die allermeisten von ihnen keine Chance haben auf eine faire, eigene Entscheidung.

Weil der Druck vonseiten der sogenannten Zivilisation beständig wächst?

Ja, und weil sie durch diese von außen herbeigeführte Störung oder auch Zerstörung ihr Leben ändern müssen. Meistens wird das Wasser vergiftet, werden Bäume gefällt oder sonst eine Lebensgrundlage vernichtet, sodass sie gezwungen sind, sich Essen zu kaufen, wofür sie wiederum Geld brauchen. Sie können aber nicht alle in die Stadt gehen und im Burgerbistro jobben. Das ist kein fairer Transformationsprozess! Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Kulturen, die ohne Einfluss der Außenwelt und weit weg von allem sind, das gibt es nur noch minimal im Amazonas. Es gibt außerdem ein paar Inseln, auf denen Völker noch recht ursprünglich leben können, und in Afrika einige Stämme, die kaum Kontakt zur modernen Zivilisation haben. Da war ich gerade in den Alantia-Mountains. Dort leben in einem kleinen Gebirgszug mit etwa 20 Dörfern die Koma.

Und diese Menschen haben wirklich keinen Kontakt zur, nun ja, Moderne?

Die Menschen aus dem Dorf, das am nächsten zur Ebene liegt, sind schon ein bisschen in Kontakt mit der Moderne, aber in den weiter in den Bergen gelegenen Dörfern leben die Menschen noch ganz ursprünglich, die Frauen haben weiterhin ihre Blätter um und die Männer gehen mehr oder weniger nackt. Das haben die ganz bewusst so entschieden.

Was war Ihr Eindruck, wie lange könnte das noch so gehen?

Tja, in der nächsten Generation wird es womöglich junge Menschen geben, die sehen wollen, was hinter dem nächsten Bergzug ist, und irgendwann wollen sie vielleicht auch in die Stadt. Aber wie gesagt, für mich ist wichtig, dass das ein Wandel ist, der von freien Entscheidungen geprägt ist.

Wie finden Sie die Menschen, die Sie porträtieren – zum Beispiel die Koma, von denen Sie eben erzählt haben?

Ich habe das Glück, über 30 Jahre ein Netzwerk aufgebaut zu haben. Ich kenne Ethnologen, auch über meine Arbeit als Umweltaktivist für Greenpeace hat sich das ein oder andere ergeben. Vieles entsteht aber auch über das Unterwegssein, dass ich Leute getroffen habe, die von sich aus mit Indigenen zu tun haben und mir dann Kontakte vermittelt haben.

Dokumentarisch zu arbeiten bedeutet mitunter, auf einem schmalen Grat zu wandeln: Wie verhindern Sie, dass Ihre Porträts und Geschichten nicht wie Folklore wirken und man geneigt ist, das vermeintlich so ungewöhnliche Leben dieser Menschen zu verklären?

weitsicht-festival und zur person

Markus Mauthe, 53, ist am Bodensee aufgewachsen. Mit 17 brach er zu seiner ersten Reise auf – als Naturfotograf, Autor und Umweltaktivist ist er bis heute weltweit unterwegs. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt „Lost - Menschen an den Rändern der Welt“ und „Allein kann ich die Welt nicht retten“. Er lebt mit seiner Familie in Brasilien, wo er sich mit der von ihm gegründeten Organisation AMAP für den Erhalt des Regenwaldes einsetzt.

Das „Weitsicht“-Festival ist eines der großen Live-Reportage-Festivals in Deutschland. Es wird im Kongress-Center „darmstadtium“ am Schlossgraben 1 ausgerichtet .

Am Freitag, 11. November, präsentiert Markus Mauthe seine Gala

„An den Rändern des Horizonts“ , siehe Interview. Beginn: 19.30 Uhr.

Am Samstag, 12. November, berichtet Sven Meurs aus der „Großstadtwildnis“. Beginn: 10.30 Uhr.

Um 14 Uhr beginnt Martin Engelmanns Bilderreise durch „Sizilien“.

Um 17 Uhr öffnet sich das „Tor zur Antarktis“. Kerstin Langenberger war ein Jahr in Südgeorgien.

Um 20 Uhr erzählt Anselm Pahnke in „Anderswo – Allein in Afrika“ von seinem Fahrradtrip quer durch Afrika.

Am Sonntag, 13. November , macht Christine Thürmer mit „Laufen-Essen-Schlafen“ den Auftakt. Der Vortrag der Wanderin ist ausverkauft, aber es gibt eine Zusatzveranstaltung am 29. Januar 2023, um 19 Uhr, in der Centralstation Darmstadt.

Um 14 Uhr berichtet der preisgekrönte Fotograf Christian Bock von seiner Reise durch „Kirgistan“.

Um 17 Uhr zeigen Kerstin Langenberger & Olaf Krüger in ihrem Vortrag die „Inseln des Nordens“ .

Um 20 Uhr präsentiert Bergsteiger Thomas Huber erstmals seine Reportage „In den Bergen ist Freiheit“ .

Karten für einen Vortrag kosten im Vorverkauf 17 Euro, an der Tageskasse 19 Euro. Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre: 8 Euro bzw. 10 Euro.

Zwei Veranstaltungen sind teurer: Karten für die Gala von Markus Mauthe kosten 24 Euro im Vorverkauf und 26 Euro an der Tageskasse. Für Thomas Hubers Vortrag am Sonntag liegen die Preise bei 20 Euro im VVK und 22 Euro an der Tageskasse. boh

www.weitsicht-darmstadt.de

Durch Ehrlichkeit und Transparenz. Es ist ganz klar: Wenn es Folklore ist, muss man es auch so nennen. Aber Folklore ist, so wie der Wandel auch, nichts Negatives. Viel schlimmer finde ich, wenn man heute eine Realität abbildet, die es so nicht mehr gibt.

Was meinen Sie damit?

Ich kann als Fotograf im Regenwald ganz unterschiedliche Fotos machen. Ich kann das Stück intakten Wald zeigen, vollformatig – und dann können wir sagen: Schau mal, wie geil der Wald ist! Oder ich zeige nur die Zerstörung. Ich kann aber auch beides zeigen. Und auch bezüglich der Menschen musst du ehrlich sein und erzählen: „Der hat nur für mich die Tracht angezogen oder auf traditionelle Art mit dem Bogen gejagt – sein Sohn kann das schon nicht mehr.“ Wenn wir so ehrlich sind, dann wird auch klar, welche Schönheit in dieser Andersartigkeit liegt. Wir bekommen ein Gefühl dafür, was noch da ist – und was im Verschwinden begriffen ist. Ich dachte auf meinen ersten Reisen auch manchmal, ach Mensch, jetzt hat der ein T-Shirt an… Inzwischen weiß ich: Ich kann einen Menschen auch schön porträtieren, wenn er ein T-Shirt trägt – selbst wenn das Shirt nichts mit seiner Kultur zu tun hat. Ich war vor Kurzem in Nigeria in einem Slum, der ins Wasser gebaut ist, wie ein bettelarmes Venedig. Und auch da war es möglich, inmitten all dieses Elends, Menschen würdevoll zu porträtieren. Wir brauchen keine kitschigen Bilder mehr, um die Leute zu unterhalten. Die Realität, so grausam und hässlich sie mitunter sein mag, birgt doch auch immer genügend Schönheit in sich, von der man berichten kann. Trotzdem ist es nur ein schmaler Grat zwischen dem künstlerischen Anspruch an meine Fotografie – ich will ja mit schönen Bildern arbeiten –, und dem Bedürfnis, gleichzeitig die Dringlichkeit der Realität zu vermitteln. Das ist auch der Grat, auf dem ich mit der Gala in Darmstadt wandeln werde.

Die ja als exklusive Gala beworben wird – was ist daran anders als an Ihren bisherigen Vorträgen?

Die Gala ist im Grunde eine Mischung aus allem, was ich bisher gemacht habe. Ich hatte einen großen Vortrag über die indigenen Völker, aus dem werde ich Elemente zeigen. Und die verwebe ich mit meinem anderen Herzensthema, an dem ich seit zwei Jahren arbeite und das sich auf mein Buch „Allein kann ich die Welt nicht retten“ bezieht. Darin habe ich anhand meiner eigenen Lebensgeschichte – also über einen Zeitraum von mittlerweile 50 Jahren – aufgezeichnet, wie sich der Planet verändert hat.

Wandel scheint Ihr Lebensthema zu sein.

Ich will Wandel darstellen, ja! Und begreifbar machen, wie rasant sich dieser Wandel vollzieht. Das Buch ist in gewisser Hinsicht autobiografisch, aber auch exemplarisch: Ich erzähle darin, was ich in meinen Zwanzigern, Dreißigern und Vierzigern gemacht habe – und nehme die Menschen dabei auch mit auf eine Reise um die Welt. Und in jedem Jahrzehnt nehme ich mir ein Thema vor, zum Beispiel Plastikmüll oder die Entwaldung, und wenn man das so komprimiert beisammen hat, dann wird deutlich, dass wir im Grunde innerhalb der Spanne meines Lebens den Planeten komplett ruiniert haben. Und auch noch nicht wirklich begonnen haben, Veränderungen hin zum Guten zu realisieren.

Aber will man das auf einer Gala vor Augen geführt bekommen, bei der man eigentlich die Schönheit der Welt sehen will?

Ich weiß, was Sie meinen. Aber das Gute ist, meine Show besteht zu 90 Prozent aus Fotos, die genau eben diese Schönheit zeigen. Und uns allen vor Augen führen, dass es sich lohnt, uns dafür einzusetzen. Dazu erzähle ich, welche großen Hebel wir haben, um recht schnell etwas zu verändern. Hebel, die eigentlich bekannt sind, aber leider nicht entschlossen genug umgesetzt werden.

Interview: Boris Halva

Fröhliche Koexistenz: Ein Munduruku-Mädchen mit gezähmtem Äffchen im Amazonas Regenwald in Brasilien.
Fröhliche Koexistenz: Ein Munduruku-Mädchen mit gezähmtem Äffchen im Amazonas Regenwald in Brasilien. markus mauthe © Markus Mauthe
Ein Mann am Berg: Der Extremkletterer Thomas Huber erzählt am Sonntagabend davon, warum in den Bergen die Freiheit ist.
Ein Mann am Berg: Der Extremkletterer Thomas Huber erzählt am Sonntagabend davon, warum in den Bergen die Freiheit ist. thomas huber © Thomas Huber
Neue Lebensräume: ein Fuchs in der Großstadtwildnis.
Neue Lebensräume: ein Fuchs in der Großstadtwildnis. meurs © Sven Meurs
In Südgeorgien gibt’s mehr als Sterne, Eis und Wracks. langenberger
In Südgeorgien gibt’s mehr als Sterne, Eis und Wracks. langenberger © Kerstin Langenberger
Naturfotograf und Umweltaktivist: Markus Mauthe.
Naturfotograf und Umweltaktivist: Markus Mauthe. privat © privat

Auch interessant

Kommentare