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Die Natur ist nicht berechenbar

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Ausgerüstet mit seinem Teleobjektiv beobachtet Stefan Stübing die Zugvögel bei Bad Nauheim. Trotz klarem Himmel konnte der Experte an diesem Morgen kaum Vögel ausmachen. kubocz © Patryk Kubocz

Um neun Uhr morgens ist Stefan Stübing unterwegs, um seiner großen Leidenschaft nachzugehen. Ausgerüstet mit einem Fernglas und einem Teleobjektiv, beobachtet er die Zugvögel, die auf der Durchreise nach Süden einen Zwischenstopp in der Wetterau machen.

Den studierten Biologen begeistern die geflügelten Tiere seit Kindesbeinen an. Bereits seit den frühen 90er Jahren ist Stübing bei der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) tätig - dort hält er seit 20 Jahren die Stelle als Fachreferent für Avifaunistik inne. „Ich kümmere mich um das Monitoring der Vögel in der Wetterau und schaue mir an, wie sich der Bestand entwickelt“, erklärt der 50-Jährige.

Dabei bietet die Wetterau optimale Bedingungen für Standvögel als auch für Zugvögel. Stübing schildert: „Wir haben hier eine gute Flora für die Zugvögel und auch die Seenplatte lädt viele Tiere dazu ein, hier zu rasten.“ Deshalb sei es auch nicht überraschend, dass man aktuell 600 nordische Gänse, Kraniche, Stare oder Feldlerchen ganz in der Nähe beobachten kann. Die aktuelle Zugvögelphase hält dabei viele Überraschungen und Besonderheiten parat. „Beispielsweise macht der Mornellregenpfeifer aktuell hier halt, der eigentlich Feuchtgebiete meidet“, sagt Stübing. Auch bemerkt der Fachreferent für Avifaunistik, dass viele Vögel aus Sibirien anstelle von Asien nach Europa, in ihr Reservegebiet gezogen sind.

Momentan sorgt der Rotmilan in der Wetterau bei den Ornithologen für Furore. Normalerweise ziehe der Greifvogel in kleinen Gruppen in sein Überwinterungsquartier nach Südfrankreich oder Portugal. Wegen seines kleinen Verbreitungsgebiets zählt der Rotmilan zu einer seltenen Vogelart weltweit. „Aufgrund des sehr warmen Sommers haben sich die Rotmilane viel Zeit gelassen mit dem Beginn des Zugs gen Süden.“ Als dann Greifvögel für ihren partiellen Flug in kleinen Gruppen bereit waren spielte das Wetter nicht mit. Der Wind kam aus der falschen Richtung und hinderte den Rotmilan daran, seinen klassischen Gleitflug anzuwenden. „Aus diesen Gründen fliegen aktuell fast alle Rotmilane gleichzeitig in das Winterquartier“, sagt der Ornithologe und erklärt: „Solch große Trupps von Rotmilanen sind die absolute Ausnahme.“ Trotzdem sei dieses Schauspiel, dass sich aktuell über unseren Köpfen abspielt nur schwerlich zu sehen. Der Greifvogel fliegt durchschnittlich auf einer Höhe von 500 Metern und ist mit dem bloßen Auge nur schwer zu erkennen. „Um diese Trupps zu beobachten, braucht man Equipment, wie ein Fernglas oder ein Teleobjektiv“, sagt Stübing.

BEOBACHTUNGEN

Sowohl Einsteiger als auch erfahrene Vogelbeobachter können über die Website www.ornitho.de ihre örtlichen Beobachtungen mit Gleichgesinnten teilen und sich mit Vogelschützern vernetzen.

„Die Community ist sehr offen und hilfsbereit und niemand ist einem böse, wenn man bei der Zuordnung eines Vogels einen Fehler macht“, versichert Stefan Stübing von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON), der als Fachmann die Seite auch nutzt. pku

Um aber in die Vogelbeobachtung einzusteigen, müsse man kein großes Geld ausgeben oder weit verreisen. Das bloße Auge und ein Spaziergang reichen dafür völlig aus. Stübing empfiehlt: „Allein im Bad Nauheimer Stadtpark kann man 40 verschiedene Vogelarten antreffen und eignet sich ideal für den Einstieg.“

Der Experte warnt aber, dass für die Ornithologie viel Geduld aufgebracht werden muss und „der Erfolg nicht planbar ist“, da man es mit der Natur zu tun hat. Genau dies fasziniere Stübing sehr an der Beobachtung der Vögel. Er sagt: „Es ist dann immer etwas Besonderes, wenn man einen seltenen Vogel beobachtet oder einen Schwarm mit bis zu 1000 Vögeln sieht.“

Allen voran die aktuelle Phase mit den vielen Zugvögeln sei besonders spannend. Man weiß nie, welcher Vogel sich doch mal in die Wetterau verirrt und kann deshalb sehr seltene Vogelarten antreffen.

Stübings Motto lautet: „Wenn Vögel ziehen, geschehen sehr spannende Dinge.“

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