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„Die Lücken sind massiv“

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Die Corona-Pandemie hat bei den Kindern und Jugendlichen Spuren hinterlassen. Das hat auch der Kinderschutzbund bei seinen Angeboten beobachtet.
Die Corona-Pandemie hat bei den Kindern und Jugendlichen Spuren hinterlassen. Das hat auch der Kinderschutzbund bei seinen Angeboten beobachtet. DPA © dpa

Kinderschutzbund spricht über Pandemie-Folgen für Kinder und Jugendliche

BAD HOMBURG - Deutschland steht vor dem dritten Corona-Winter, der - so hofft man zumindest - mit wesentlich weniger Einschränkungen auskommt als die beiden ersten. Welche Spuren die Pandemie in den verschiedenen Wirtschaftsbereichen, im Gesundheitswesen oder in den Schulen hinterlassen hat, ist kaum zu bilanzieren. Nun hatte der städtische Jugend- und Sozialausschuss Vertreter des Kinderschutzbundes eingeladen, um zu erfahren, wie es den Kindern und Jugendlichen ergangen ist und wie der Verein die aktuelle Lage beurteilt. Den Überblick gaben Vorsitzende Kristina Odak und Anita Faulhaber, Leiterin der Sozialpädagogischen Schülerhilfe (SPSH).

Tenor: Die Nachfrage nach Unterstützung ist immens. Beim Kinder- und Jugendtelefon („Nummer gegen Kummer“) in Bad Homburg, das von 40 Ehrenamtlichen betreut wird, gingen im vergangenen Jahr 8735 Anrufe ein, die in 1651 Beratungen mündeten. Der langjährige Durchschnitt liegt bei rund 5000 Anrufen. „Der Bedarf ist derart gestiegen, dass wir den Apparat zusätzlich zu den normalen Zeiten auch an den Samstagen und den Feiertagen besetzt haben“, erklärte Odak. Zusätzlich bearbeiteten fünf speziell geschulte Ehrenamtliche im vergangenen Jahr 1780 Anfragen per E-Mail. „Auch diese Zahlen gingen deutlich nach oben - möglicherweise weil Kinder und Jugendliche, die zu Hause Probleme hatten, nicht ungestört telefonieren konnten, weil die Eltern durch Homeoffice oder Kurzarbeit ebenfalls zu Hause waren.“

Vormünder durften nicht zu den Mündeln

Probleme gab es auch für einige ehrenamtliche Vormünder. „Die durften zwischenzeitlich nicht mehr zu ihren Schützlingen in die Heime.“ Odak: „Teilweise wurden dann mit den Einrichtungen gute Lösungen gefunden. Aber andererseits war Corona für manche Heime ein gutes Argument, die Vormünder nicht mehr zu ihren Mündeln zu lassen . . .“, so die Vorsitzende.

Auch auf die Präsenz-Angebote für Schüler hatte Corona Auswirkungen. Das Projekt „Bewegte Sprache“, mit dem in normalen Zeiten Sprachförderung in Kleingruppen betrieben wird, konnte während der Shutdown-Phasen nicht stattfinden, später dann nur in Einheiten mit jeweils ein bis zwei Schülern. Zwischenzeitlich eingestellt werden musste auch das Projekt „Aufholen“, bei dem Intensivnachhilfe angeboten wird. Schnell habe zwar eine Online-Lösung gefunden werden können, „aber das ist nichts für große Gruppen“, so Odak. Als Konsequenz habe man sich entschieden, „Aufholen“ nur noch bis einschließlich Klassenstufe sieben statt wie bisher für Schüler bis zur zehnten Klasse anzubieten.

Die hortähnliche Betreuung musste improvisieren. „Mit dem Lockdown 2020 waren die 14 Kinder plötzlich weg“, so Odak. Problematisch, weil die absolute Mehrheit aus Familien kam, in denen Deutsch nicht Muttersprache ist. „Da ist es dann schwer, sich über den PC zu verständigen.“

So wurden früh „Lernpäckchen“ gepackt und von Faulhaber ausgefahren. Und es wurden Missverständnisse aufgeklärt. „Einige Familien dachten, sie dürften wegen Corona die Wohnung gar nicht mehr verlassen.“

Wunsch nach besserer Vernetzung

Insgesamt lasse sich bilanzieren: „Die Sprachentwicklung blieb auf der Strecke, die Entwicklung der Sozialkompetenzen war stark eingeschränkt - die Kinder haben die Strukturen verloren.“ So verdeutlichte Odak: „Es gibt Kinder, die jetzt eingeschult werden und nie wirklich einen Kindergarten besucht haben.“ Nun stehe man vor der Herausforderung, diese Kinder in der Gruppe zu sozialisieren, „sie müssen lernen, dass nicht nur die eigenen Bedürfnisse wichtig sind“.

Das sei nicht leicht, zumal manche Kinder regelrechte Panik-Attacken bekämen, deren Bewältigung wiederum den Betreuern viel abverlangt. Zudem gibt es Wartelisten, „wir können uns vor Anfragen nicht retten“, sagte Faulhaber, die betont: „Unser Angebot soll ja nicht nur Betreuung sein, sondern auch eine Förderung.“

Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Pandemie auch bei den Mitarbeitern Spuren hinterlassen hat. Da wünschen sich die Frauen eine bessere Vernetzung mit anderen Einrichtungen. „Ein Austausch wäre wichtig. Bei Selbstzweifeln hilft es, wenn man miteinander spricht und sieht: Man kämpft nicht alleine.“ Wie gehen andere mit den gleichen Herausforderungen um, gibt es andere Ansätze? „Sich emotional stützen ist ein großes Bedürfnis“, so Odak und Faulhaber.

Die Einschätzung von Elke Barth (SPD), wonach manche Kinder mit der Kita-Zeit eine ganze Bildungsstufe verpasst haben, teilte Odak: „Die Lücken sind massiv, auch bei den Schulkindern - einigen fehlt fast ein komplettes Schuljahr.“

So meldeten sich verstärkt auch Familien mit der Bitte um Förderung, bei denen ein Elternteil daheim ist. „Ich weiß nicht, wie ich das mit den mir zur Verfügung stehenden Ressourcen stemmen soll . . .“, zeigte sich Faulhaber ratlos.

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