1. Startseite
  2. Rhein-Main

Die Koffer der Erinnerung

Erstellt:

Kommentare

_80_Jahre_Deportation5a__4c_1
Ungewöhnliches Mahnmal: Eine Kofferinstallation im Bahnhofsfoyer in Friedberg erinnert an die Deportation vor 80 Jahren. IHM-FAHLE ©  IHM-FAHLE

Bevor ich zu der Gedenkveranstaltung gehe, welche die Deportation von Juden vor 80 Jahren symbolhaft nachstellt, suche ich einen alten Koffer heraus. Ich habe zwar als Reporterin nur eine beobachtende Rolle - aber diesmal möchte ich aktiv mitmachen. Samstagsmorgens bürste ich meinen Mantel und überlege dabei, ob jüdische Deportierte so etwas auch getan haben.

Getreu dem Motto: Man will bei der Ankunft ordentlich aussehen - nichtsahnend, wohin die „Reise“ ging. Während ich versuche, mich in die Gefühle jüdischer Verschleppter zu versetzen, kommt mir ein ganz anderer, unbehaglicher Gedanke. Wie hätte ich mich als nichtjüdische Nachbarin 1942 verhalten, hätte ich die Deportationen beobachtet?

Als ich im Auto sitze, um nach Friedberg zu fahren, stelle ich fest, meinen Koffer vergessen zu haben. Auf der Kaiserstraße gehe ich daher zu Lederwaren-Steck, um einen zu kaufen. Inhaber Ulf Berger schenkt mir einen Koffer, ich bin perplex. „Ich finde es wichtig, diese Aktion zu unterstützen“, erklärt er. So ausgestattet, gehe ich zur Augustinerschule, wo der Treffpunkt ist. An insgesamt drei Tagen laden die Veranstalter um das federführende Team Britta Weber, Johannes Kögler und Lukas Hölzinger ein, die Deportation nachzuempfinden. Weber ist Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Wetterau, Kögler leitet das Museum in der Haagstraße und Hölzinger ist Abteilungsleiter im Friedberger Rathaus. In Bad Nauheim und Friedberg ging die Veranstaltung am Donnerstag los, am Freitag war eine Gedenkveranstaltung mit Jugendlichen in der Augustinerschule und am Samstag begibt sich der Zug von dort zum Hauptbahnhof. So, wie es 1942 war, zwischen dem 15. und 17. September.

274 Menschen aus Bad Nauheim, Friedberg und anderen Orten mussten sich in der Schule sammeln, wurden registriert und auf Wertsachen untersucht. Gemeinsam waren sie gezwungen, in der beengten, kleinen Turnhalle des Gymnasiums auf Stroh zu übernachten.

SIE SIND BETEILIGT

Folgende Institutionen haben die Gedenkveranstaltung zur Judendeportation mitgetragen: Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Stadt Bad Nauheim, Wetteraumuseum Friedberg, Kreisstadt Friedberg, Antifaschistische Bildungsinitiative, Augustinerschule Friedberg, Evangelisches Dekanat Wetterau, Friedberger Geschichtsverein, Verein JUKA, Junity Friedberg, Katholische Kirchengemeinde Sankt Bonifatius Bad Nauheim, Lagergemeinschaft Auschwitz - Freundeskreis der Auschwitzer sowie das Stadtarchiv Friedberg. ihm

Die Bürgerinnen und Bürger, die nun - 80 Jahre später - daran erinnern und mahnen, stellten bereits am Donnerstag Koffer in die winzige Turnhalle. Mitorganisator Hölzinger dankt der Bahn AG, die die Bahnhofsvorhalle bis Sonntagabend für eine Kofferinstallation zur Verfügung stellt. Die damalige Deutsche Reichsbahn übernahm während des Holocausts die Sonderzüge in den Tod. Der Bahnhof ist schnell erreicht. Laut Polizei, die den Tross begleitet, gehen 90 Personen mit. Es scheinen mir mehr zu sein. Im Foyer platzieren die Menschen die Koffer in die Mitte, die Namen Verschleppter stehen mit Kreide darauf. Künstler Norman Reeves spielt auf der Geige jüdische Lieder. Der Friedberger Bürgermeister Dirk Antkowiak (CDU) hält eine Rede, ebenso der evangelische Dekan Volkhard Guth.

Auf einem Banner sind drei Fragen zu lesen: „Was hätten wir damals getan, wo hätten wir gestanden?“ - „Wo müssen wir heute Position beziehen, wenn wir sehen, wie Menschen ausgegrenzt, diskriminiert und bedroht werden?“ Und: “Was tun wir gegen den heute in unserer Gesellschaft gegenwärtigen Antisemitismus?“

Dem gehen Antkowiak und Guth nach, sie kommen zu einem Schluss. „Die Stadt Friedberg positioniert sich klar: Gegen Antisemitismus und Rassismus! Für Vielfalt und ein friedliches Miteinander“, betont Antkowiak. Guth erklärt: „Wir müssen eine Vision schaffen auf eine Zukunft, die sich auf gemeinsame Werte stützt: Demokratie, Freiheit und Toleranz. Darum sind wir hier.“ Eine Friedbergerin erklärt, was sie für wichtig an der Veranstaltung hält: „Das Nichtvergessen, das Beziehen auf heute, dass wir einstehen für unsere Gesellschaft, weil wir wissen, was passiert ist.“

_80_Jahre_Deportation6a__4c_1
Dekan Volkhard Guth mit mahnenden Worten. © Red

Auch interessant

Kommentare