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Die Endlichkeit des Ewigen Eises

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So könnte es „vor der Höhe“ vor 20 000 Jahren ausgesehen haben - im Hintergrund Feldberg und Altkönig. Für die Zukunft zeigt der „Time Shift“ die Erlöserkirche inmitten einer Steppe. hillebrecht
So könnte es „vor der Höhe“ vor 20 000 Jahren ausgesehen haben - im Hintergrund Feldberg und Altkönig. Für die Zukunft zeigt der „Time Shift“ die Erlöserkirche inmitten einer Steppe. hillebrecht © Hillebrecht

Museum Sinclair-Haus zeigt faszinierende Bilder von den Kältepolen

BAD HOMBURG - Die verschneite Silhouette erinnert an etwas - es ist der Taunuskamm. Gemächlich wandert eine Gruppe Mammuts ins Bild. Kaum ist Zeit, in der surrealen Szenerie von vor 20 000 Jahren zu schwelgen, wird es schon Nacht und wieder Tag. Erlöserkirche und Sinclair-Haus sind aufgetaucht. Der sauber gepflasterte Hof ist gerade noch zu erkennen, Unkraut wuchert, eine Klapperschlange bahnt sich ihren Weg, wir können sie auch hören. In einer unbestimmten Zukunft ist der einst so grüne Vordertaunus versteppt.

Die neue Ausstellung im Sinclair-Haus ist großes Kino - nicht nur der „Time Shift“, den das Institut für Digitale Museumsmedien extra für Bad Homburg kreiert hat. Weitere Videos nehmen uns mit auf eine Umrundung von Spitzbergen, wo Künstlerin Susan Schuppli das Kalben einer Eismasse dokumentiert und parallel eine Wärmebildkamera mitlaufen lässt -, auf die Marshallinseln, wo Kathy Jetñil-Kijiner und Aka Niviâna Frauen in den Fluten versinken lassen. In Ozeanien gibt’s zwar kein Eis, aber dort steigt schon jetzt der Meerwasserspiegel, weil in Grönland das Eis abbricht. Dieser Zusammenhang wird in einem Gedicht hergestellt; wer im Museum die Kopfhörer zu fassen bekommt, hört dazu Musik.

Es wäre schön, wenn sämtliche Veränderungen unserer Welt, alle Gefahren nur als Film existierten. Doch sie sind real.

Das soll die Schau veranschaulichen. „Sie ist ästhetisch, aber auch kritisch“, erläutert Dr. Christina Anna Lanzl, Direktorin im Sinclair-Haus. Die Schau ermöglicht Blickwinkel aufs „Ewige Eis“, dessen Ewigkeit endlich ist, und stellt Lebensräume der in den polaren Zonen wohnenden Menschen dar. „Aber wie sieht es dort in 50 Jahren aus?“, fragt Lanzl rhetorisch mit Blick auf den Klimawandel.

Arktis und Antarktis sind weit entfernt, sie wurden noch nicht so viel bereist. Auch manche Künstler erreichten sie durch Forschungsreisen. Das Wissenschaftliche bleibt - anders als bei der früheren Schau „Tempo“ - im Hintergrund. Außer Videoinstallationen sind teils großformatige Fotografien zu sehen - diese Kunstgenres seien die derzeit wichtigsten Schnittstellen von technischen Möglichkeiten und künstlerischem Ausdruck.

Allen voran geht es um das Schwinden des Ewigen Eises. Die weiße Pracht wurde in mannigfaltiger Weise eingefangen - Bilder, die man sonst nie gesehen hätte. Etwa Olaf Otto Beckers wandbreites Triptychon vom Illulissat-Gletscher in West-Grönland oder gegenüber derselbe Gletscher, vom Meer aus gesehen; hier könnte auch Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer stehen, so romantisch ist der sich im Wasser spiegelnde Koloss.

An manche Werke im Museum muss man näher herantreten. Die schwedische Sami-Künstlerin Britta Marakatt-Labba nimmt für ihre Bilder auch die Sticknadel zu Hilfe. „The Lake that was Emptiet“ handelt von einem See, in dem jetzt nach Eisen geschürft wird. Die Vielschichtigkeit des Bildes wäre allein mit dem Pinsel wahrscheinlich gar nicht so gelungen: Im Hintergrund deuten die Stiche unwirklich die Bergwerkshalden an. Meisterhaft sind auch die rangezoomten Schneeflocken von Doug & Mike Stern auf Acryl.

Menschen lernen Besucher ebenfalls kennen: etwa einen „Elvis des Nordens“ in Brian Adams’ Porträts alaskischer Inuit oder die Kindheit von Ivan Murzin in Sibirien. Dessen Wandinstallation „Kreislauf des Lebens im Eis“ gibt Einblicke wie ein Fotoalbum - Kinder, die sich die eiskalte Nase halten, Schlittschuhlauf vor Plattenbauten und Eisschwimmer. Eine Plastik gibt es - und man darf sich entscheiden, ob man Mariele Neudeckers „400 Tausend Generationen“ als Goldfischgläser mit Eisbergen sehen möchte oder als Augenpaar. Interpretieren ist erwünscht.

Programm, Öffnungszeiten und Tickets unter tickets.museum-sinclair-haus.de .

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