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Drei Wochen ist der Apfelwein alt und noch trüb von der Hefe (rechts). Der Verbraucher möchte aber ein klares, filtriertes „Stöffche“, weiß Andreas Schreier.

Dreieich

„Die Discounter machen die Preise kaputt“

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
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Kelterer Andreas Schreier aus Dreieich spricht im Interview über die diesjährige Apfelernte und die schwierige Preisgestaltung beim Saft und beim „Stöffche“.

Die Äpfel im Rhein-Main-Gebiet sind in diesem Jahr zwei Wochen früher reif geworden. Besitzer von Streuobstwiesen liefern das Obst deshalb schon zentnerweise bei den Keltereien an. Wir erreichen den Kelterer Andreas Schreier aus Dreieich mitten in seiner Arbeit an der Saftpresse.

Herr Schreier, wann haben Sie mit dem Keltern begonnen?

Wir haben am 31. August angefangen.

Und wie lange keltern Sie noch?

Geplant ist bis 6. Oktober, weil im Moment einfach zu wenig Äpfel reinkommen. Wir müssen ja jeden Abend die Maschinen reinigen. Wenn man zu wenig Äpfel hat, lohnt sich der Aufwand nicht. Wir brauchen schon eine gewisse Menge, um zu keltern.

Warum gibt es zu wenig Äpfel?

Das ist dem Sturm vom letzten Jahr geschuldet, da sind viele Bäume kaputt gegangen. Auch die Trockenheit macht die Bäume kaputt. Außerdem werden immer mehr Baugebiete ausgewiesen. Es werden zwar Ersatzflächen geschaffen, aber bis diese Bäume gewachsen sind, dauert es. Deshalb ist das Rhein-Main-Gebiet und gerade der Kreis Offenbach nicht die große Apfelgegend. Das, was man sieht, wird dann auch noch zum größten Teil nicht gepflegt. Dadurch bekommen wir weniger Äpfel angeliefert als vor 10, 15 Jahren. Die letzten Tage waren zwar schon ein bisschen besser, aber früher wären die Boxen voll gewesen bis oben hin.

Im Taunus soll es aber ganz anders ausschauen.

Ja gut, der Taunus ist ein bisschen ländlicher als der Kreis Offenbach. Wir sind hier im Speckgürtel, in dem viel gebaut wird.

Warum werden die Streuobstwiesen vernachlässigt?

Die Leute pflücken die Äpfel nicht, weil sie zu schlecht bezahlt werden. Wenn die großen Keltereien sieben Euro für den Zentner zahlen, ist das schon viel. 50 Kilo für sieben Euro – man muss die Wiese mähen, man muss die Bäume schneiden, man muss die Äpfel aufsammeln und zur Kelterei fahren. Wenn man das dann gegenrechnet … Da sagen viele junge Leute und auch Erben, das lohnt sich nicht. Früher hatten die Leute eine andere Einstellung, da waren ein paar Hundert Mark für die Ernte der Bäume viel Geld. Heute will man seine Zeit nicht stundenlang auf dem Acker verbringen. Die Leute, die Äpfel bringen, werden immer älter. 70 Prozent sind definitiv schon weit über 60. Wenn die dann nicht mehr können oder nicht mehr da sind, wird es hier richtig mau werden. Aber das betrifft ja alle Keltereien.

Was zahlen Sie denn?

Wir zahlen im Moment acht Euro, haben auch schon zehn Euro bezahlt. Eigentlich wollen wir auch in diese Richtung gehen. Das Problem ist nur: Der Markt muss natürlich auch bereit sein, den höheren Preis zu zahlen. Wir haben dieses Jahr einen Testlauf gemacht mit dem Süßmost, dass der Liter halt mal zwei Euro kostet. Für viele ist das okay, bei manchen merkt man aber schon, dass sie nicht einverstanden sind. Aber was sind zwei Euro für einen Liter? Eigentlich nichts. Wenn man langfristig Streuobst haben möchte in der Region, muss man einfach die Preise erhöhen. Am Ende muss der Verbraucher vielleicht auch bereit sein, für den Kasten Apfelsaft statt 8 Euro 9,95 Euro zu zahlen.

Trifft das auch auf den Apfelwein zu?

Es wäre auch wichtig, den Apfelwein auf ein höheres Niveau zu heben. Aber keiner traut sich, bei einem 6er-Kasten über die Zehneurogrenze zu gehen. Wenn wir 12 Euro nehmen würden, würden wir von 2 Euro pro Liter reden. Aber jeder hat Angst, dass das Konkurrenzprodukt gekauft wird, wenn er erhöht. Wenn man sieht, was eine Cola kostet, wenn sie nicht gerade im Angebot ist! Das ist Wasser mit Aroma, wird billigst produziert.

Zur Person

Andres Schreier, 40, ist im Jahr 2012 in die elterliche Kelterei eingestiegen, die sein Opa im Jahr 1912 in Dreieich-Sprendlingen gegründet hat.

Zusammen mit seinen Eltern Matthias Schäfer und Ilse Schäfer-Schreier führt er den Betrieb mit zugehörigem Ladengeschäft.

Vorher hatte Schreier, der in Frankfurt wohnt, Marketing studiert und war auch im Online-Marketing tätig. ags

Internet: www.apfelweinhelden.de

Natürlich ist das nicht viel. Aber die Discounter machen die Preise kaputt. Die kriegen ihre Äpfel aus Polen, Rumänien. Bei den Discountern kostet der Liter Direktsaft trüb 85 Cent. Apfelsaft ist halt ein schwieriger Markt. Mit Spezialitäten können wir besser expandieren.

Keltern Sie nur Streuobst?

Das ist alles Streuobst, alte Apfelsorten wie Boskoop, Goldparmäne, Trierer. Wir nehmen gar keine anderen Äpfel. Wir bekommen auch von Obsthöfen Äpfel wie Cox Orange, Rubinette, Goldrinette. Daraus machen wir sortenreinen Apfelwein. Der ist dann etwas teurer, da kostet eine Flasche vier Euro. Man zahlt dem Erzeuger mehr Geld, weil er auch mehr Geld braucht, um seine Kosten zu decken. Der Aufwand ist für uns natürlich auch größer, separat zu keltern und separat auszubauen.

Wie viel keltern Sie am Tag?

Das kommt darauf an. 2018 waren die Boxen voll, da haben wir 10 bis 15 Tonnen pro Tag durchgejagt durch die Maschinen. 2018 war ein gutes Jahr, 2019 war dann ein Totalausfall – überall in Deutschland. Dieses Jahr ist es besser, aber auch nicht optimal. Wir haben unsere Lieferanten in Baden-Württemberg und Bayern, die uns Äpfel liefern gegen gutes Geld. Damit haben wir nicht das Problem, dass wir keinen Rohstoff bekommen.

Wie viel Zentner kommen in diesem Jahr wohl zusammen?

Im letzten Jahr kam von den Streuobstwiesen hier fast gar nichts. 10, vielleicht 15 Tonnen. Wir mussten woanders die Äpfel besorgen. Die sind natürlich teurer. In diesem Jahr war es bisher eine normale Saison. Trotzdem erhalten wir nicht die Mengen, die wir eigentlich brauchen. Und die Äpfel sind wegen des Wassermangels sehr klein. Es müsste jetzt im Herbst schon ordentlich regnen, damit die nächste Apfelernte besser wird.

Wie hat sich denn die Kelterei mit den Jahren verändert?

Mein Opa hat früher mit einer Tücherpresse mit Kurbel gearbeitet. Da sind aus einem Zentner 25 Liter Saft rausgekommen. Mit der Bandpresse, die eigentlich aus der Papierindustrie stammt, kann man heute, wenn man eine wirklich gute Apfelqualität hat, zwischen 35 und 37 Liter Saft herausholen. Früher haben wir fünf Leute zum Keltern gebraucht, heute kann ich das praktisch alleine machen.

Ihre Produkte sind auch vielfältiger geworden?

Früher, beim Opa, gab es nur Apfelwein und Apfelsaft. Jetzt haben wir mit unseren Schnaps-, Saft- und Cidervarianten über 50 Produkte, die mehr als die Hälfte unseres Umsatzes ausmachen. Das können die großen Keltereien in dem Maße nicht anbieten, weil sie auf Masse machen müssen.

Wann gibt’s den ersten Apfelwein?

Der Apfelwein in den Tanks ist jetzt drei Wochen alt und muss noch acht Wochen gären.

Und welchen Apfelwein trinkt der Verbraucher am liebsten?

Der klassische Apfelwein wird immer noch mehr gekauft als der trübe. Beim Apfelsaft geht der Trend aber mittlerweile mehr zum trüben, weil die Nährstoffe beim klaren wegfiltriert werden.

Interview: Annette Schlegl

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