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Diagnosen wie in der Arztpraxis

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Das Porträtbild Wilhelm Heinrichs von Nassau-Saarbrücken hat schon bessere Tage erlebt. Per Mikroskop untersucht Susanne Danter in der Gemäldewerkstatt die Problemstellen ihres „Patienten“. neuroth
Das Porträtbild Wilhelm Heinrichs von Nassau-Saarbrücken hat schon bessere Tage erlebt. Per Mikroskop untersucht Susanne Danter in der Gemäldewerkstatt die Problemstellen ihres „Patienten“. neuroth © Neuroth

In der Schloss-Werkstatt werden Kunstwerke vor dem Verfall bewahrt

BAD HOMBURG - Gut 275 Jahre alt ist der Patient im Schlosskeller und zweifellos hat er schon bessere Tage erlebt. Denn wirklich vorzeigbar ist auf dem Porträtbild Wilhelm Heinrichs von Nassau-Saarbrücken (1717 - 1768) nur der schnieke Aufzug des Fürsten. Hunderte Hubbel ziehen sich über die Oberfläche der Ölmalerei, an manchen Stellen ist die Farbe ganz abgeblättert und an der Unterkante hat sich das Gewebe vom Träger gelöst und hängt in Fetzen. Dementsprechend schlecht ist der Befund der behandelnden „Ärztin“. „Das sieht übel aus“, so die Diagnose von Susanne Danter.

Medizinerin ist sie zwar nicht, die Analogie passe dennoch gut, findet die Restauratorin. Im Endeffekt ähnele ihre Tätigkeit der eines Arztes, zumindest in der Methodik. „Wir schauen uns den Patienten an, ermitteln die Probleme, die vorliegen, und stellen eine Diagnose“, so Danter. Parallelen gibt es auch in der Behandlung. Wie beim Arzt, der zunächst zu einem konservativen Vorgehen rät, ist die Restauratorin für gewöhnlich erst einmal vorsichtig. „Das Konservieren des Objektes und die Sicherung der Substanz haben oberste Priorität“, erklärt sie.

Die beste Restauration ist keine Restauration

Dass gleich drauflos restauriert werde, stimme eben nicht, bestätigt Ulrich Haroska. „Heutzutage wird an den Objekten eher weniger als mehr gemacht. Denn jeder Eingriff bedeutet eine Beeinträchtigung und im schlimmsten Fall sogar einen Verlust“, sagt der Leiter des Fachgebiets Restaurierung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessens. Hauptsächlich arbeiteten die 16 Mitarbeiter der Abteilung, deren Aufgabe die Kontrolle, Wartung und Pflege aller 48 Liegenschaften und Zehntausender Exponate der Landesbehörde ist, daher auf dem Gebiet der „präventiven Konservierung“. Heißt: „Primär liegt das Augenmerk darauf, für die Kunstobjekte möglichst optimale Bedingungen zu schaffen, die sie langfristig ohne größere Eingriffe erhalten. Dazu gehören konstante Temperaturen und Feuchtigkeit, damit die Objekte im Ruhezustand sind und sich nicht bewegen“, sagt der Experte, der seinen Job paradoxerweise also am besten macht, wenn er Restaurationen verhindert.

„Weniger ist mehr“ gilt etwa für das Prunkstück der neuen Dauerausstellung im Schloss zur Landgrafschaft Hessen-Homburg, den „100 Fächer-Schrank“. Das in Bad Homburg heißgeliebte Holzmöbel aus dem 18. Jahrhundert bearbeiteten die Restauratoren, die nicht nur die 150 Exponate in Schuss brachten, sondern auch für die Gesamtkonzeption federführend verantwortlich waren, nämlich kaum. Lediglich die Goldpapier-Innenauskleidung sowie lockere Furniere wurden gefestigt und neu verklebt. Die sonnenverblichenen Motive auf der Vorderseite - bunte Tulpen und exotische Vögel - erhielten bewusst keine Auffrischung. „Wir hätten den kompletten Lack herunternehmen müssen, um ans Holz zu kommen. Dieser große Eingriff ist nicht zu rechtfertigen. Außerdem wissen wir gar nicht, wie der Schrank ursprünglich mal ausgesehen hat“, erklärt Nora Möritz. Seit 2018 gehört sie zur Abteilung, fing nach dem Restaurierungs- und Konservierungsstudium im Bereich Wandmalerei an der Uni Erfurt als Volontärin an. Ein Studium sei heute der normale Weg, erklärt Haroska. Schließlich benötigten Restauratoren manuelles und künstlerisches Geschick, müssten aber auch auf akademischem Felde bewandert sein, also über Material oder den geschichtlichen Hintergrund Bescheid wissen. Den Fachkräftemangel spüre dabei auch die Restaurierungsbranche. Zwar nicht im Homburger Schloss - hier seien alle Stellen besetzt -, aber im Allgemeinen. „Als ich angefangen habe, war der Andrang groß, jetzt ist es weniger geworden“, erzählt er. Ein Problem könnte sein, dass die Unis Studenten nur nach einem einjährigen Vorpraktikum zulassen. „Früher waren es sogar drei Jahre. Das schreckt viele ab“, sagt Möritz.

Auch Danter absolvierte vor dem Studium ein dreijähriges Praktikum. Seit 19 Jahren ist sie im Schloss beschäftigt. Ihr Arbeitsplatz ist die Gemäldewerkstatt im Keller. Ausgestattet ist der Raum mit mehreren Arbeitstischen, Mikroskopen für die Faseranalyse, Glasfaser-Lichtleitern zum punktuellen Ausleuchten ohne Wärmeentwicklung, Beleuchtungsschirmen und Kameras, die Aufnahmen unter UV-Strahlung ermöglichen.

„So lässt sich erkennen, welche Bindemittel benutzt wurden oder wo Stellen bereits retuschiert worden sind“, erklärt sie. Früher sei man da leider großzügiger gewesen und hätte teils gar übers Original gemalt. „Das machen wir aber nicht mehr. Original und Restaurierung müssen getrennt werden und alle Eingriffe möglichst reversibel sein, damit nachfolgende Generationen sie wieder rückgängig machen können“, sagt sie.

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