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Fahren mit Stromabnehmer: Pro Fahrtrichtung misst die Teststrecke für Hybridlastwagen fünf Kilometer.

Mobilitätswende

Deutschlands erste Elektroautobahn

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Demnächst fahren die ersten Lastwagen mit Ökostrom auf dem Autobahnabschnitt Langen - Weiterstadt.

Zwischen Langen und Weiterstadt ist am Dienstag Deutschlands erste Elektroautobahn für den Güterverkehr offiziell in Betrieb gegangen. In beiden Fahrtrichtungen hat die Landesbehörde Hessen Mobil dafür in den vergangenen Monaten jeweils fünf Kilometer ausgebaut. Nutzbar ist die Teststrecke für sogenannte Hybridlastwagen. Das sind Fahrzeuge mit Sensoren, die erkennen, ob sich über ihnen eine Oberleitung befindet. Wenn ja fahren sie die auf dem Dach des Führerhauses eingebauten Abnehmer aus und versorgen den Elektromotor mit Ökostrom, den der südhessische Versorger Entega liefert. 

Trotz der offiziellen Eröffnung mit politischer Prominenz wird der erste von insgesamt fünf Prototypen von Scania erst in zwei bis drei Wochen auf der Strecke zu sehen sein: Die Spedition Lanz aus Ober-Ramstadt muss ihre Fahrer noch für das Fahrzeug schulen, das ihr erst am Dienstag übergeben wurde. Ihr Hauptgeschäft ist der Transport für die Farbenfabrik Caparol von Ober-Ramstadt ins Zentrallager am Flughafen. Vier weitere Unternehmen wollen bis Mitte nächsten Jahres in den Feldversuch einsteigen. Wesentlich mehr hatten Interesse daran bekundet. 

Mehrmals am Tag werden die Firmen auf der Strecke unterwegs sein und Daten sammeln, die die Technische Universität Darmstadt auswertet. Siemens Mobility ist ein weiterer Partner des Projekts, Hessen Mobil führt die Regie. Das Geld kommt vom Bundesumweltministerium: 14,6 Millionen Euro für den Aufbau der Anlage plus 15,3 Millionen Euro für den Feldversuch in Hessen, der bis Ende 2022 läuft. 

Hessens Elektroautobahn ist bislang die größte weltweit

Scania hat bereits Erfahrung mit dem Bau solcher 40-Tonner, die die Speditionen leasen – zu den Konditionen eines herkömmlichen Fahrzeugs: In der Nähe von Stockholm gibt es eine Teststrecke. Die messe allerdings lediglich zwei Kilometer und sei nicht mit der hessischen vergleichbar, sagt Achim Reusswig, Projektleiter bei Hessen Mobil: „Unsere Strecke ist die größte weltweit.“ Dass sie an der hochfrequentierten A5 liege, habe seinen Grund: „Wir wollen hohe Sichtbarkeit und zeigen, dass sie nicht stört.“ Die Oberleitungen sind über der rechten Spur angebracht, die jeder andere Fahrzeugteilnehmer nutzen kann. 

Der betroffene Abschnitt auf der A5 gehört zu den verkehrsreichsten der Republik. 135.000 Fahrzeuge sind dort täglich unterwegs, darunter rund 14.000 Lastwagen. Er verbindet Frankfurt und Darmstadt und ist Teil einer wichtigen Nord-Süd-Verbindung im europäischen Fernverkehrsnetz. Für den Güterverkehr von besonderer Bedeutung ist die Anbindung der Cargo-City-Süd des Frankfurter Flughafens sowie des Gewerbegebiets Darmstadt-Nord / Weiterstadt. Beim offiziellen Akt am Dienstag gab es jede Menge Vorschusslorbeeren: „Elektrisch betriebene Oberleitungs-Lkw sind eine besonders effiziente Lösung auf dem Weg zu einem klimaneutralen Güterverkehr“, sagte Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium. Interessant sei die Technologie vor allem für Lastwagenverkehr, der sich nicht auf die Schiene verlagern lasse. „Hessen unterstreicht damit seine führende Rolle beim Übergang in eine zukunftsfähige, klimaschonende Mobilität und seine Offenheit, neue Technologien im Verkehrsbereich auszuprobieren“, sagte Jens Deutschendorf (Grüne), Staatssekretär im hessischen Verkehrsministerium. „Damit kann der Verkehr der Zukunft zugleich umweltfreundlicher, sicherer und effizienter gestaltet werden“, ergänzte Gerd Riegelhuth, Präsident von Hessen Mobil.

Skeptisch äußerte sich FDP-Landtagsabgeordneter Stefan Naas: „Es ist wohl kaum vorstellbar, dass wir im großtechnischen Stil das komplette Autobahnnetz Deutschlands elektrifizieren.“ Der Grünen-Bundespolitiker Matthias Gastel drängte darauf, auch die Verkehrsverlagerung auf die Schiene voranzubringen. Denn es sei noch völlig unklar, welchen Beitrag der Oberleitungslastwagen für den Klimaschutz tatsächlich leisten könne.

Teststrecken

Die hessische ist die erste von drei Teststrecken, die das Bundesumweltministerium im Rahmen des Förderprogramms „Erneuerbar Mobil“ realisiert. Die beiden anderen entstehen auf der A1 bei Lübeck und auf der B462 bei Kuppenheim in Baden-Württemberg.

Außerhalb von Deutschland gibt es im öffentlichen Verkehrsraum zwei Pilotanlagen: rund zwei Kilometer in Schweden, rund 1,6 Kilometer in Los Angeles. (jur)

https://mobil.hessen.de 

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