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Von oben eine Idylle mit viel Grün, in der Geschichte aber auch ein Platz mit schrecklichen Seiten: der Hephata-Komplex in Schwalmstadt-Treysa.

Hephata in Treysa

"Jeder wurde mit diesem Zeug abgefüllt"

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Thomas Hasper lebte jahrzehntelang im Heim, auch im Hephata in Treysa. Er erlitt die regelmäßige Sedierung mit Arznei, die qualvolle Pneumenzephalographie, Prügel und pädophile Übergriffe.

Vernachlässigung, Schläge, pädophile Übergriffe – Thomas Hasper hat das alles erleiden müssen. Er lebte mehr als zwei Jahrzehnte lang in Kinder- und Jugendheimen, davon lange in Hephata im nordhessischen Treysa. Dort erlebte er auch die regelmäßige Sedierung mit Medikamenten und einen schrecklichen medizinischen Eingriff – die Pneumenzephalographie. Heute lebt Hasper in Bremen.

Herr Hasper, in welchem Alter waren Sie in Heimen?
Von null, 1954, bis zum 24. Lebensjahr.

In welcher Zeit sind Sie im hessischen Heim in Hephata gewesen?
Von 1959 bis 1970.

Warum sind Sie ins Heim gekommen?
Unsere Mutter war völlig mittellos. Die hat sich sogar das Stillen bezahlen lassen, für vier Mark und ein paar Zerquetschte. So steht das in meiner Akte drin.

Wie ist das Personal mit Ihnen umgegangen? War das liebevoll?
Bitte „Liebe“ streichen und durch „Tagesgeschehen“ ersetzen. Alles war dem Tagesgeschehen untergeordnet. Egal, was wir machten, solange das Tagesgeschehen seinen Fluss nahm, war alles in Ordnung. Sobald einer das durcheinandergebracht hat, kam er in die Bredouille. Mit Liebe brauchten Sie dort gar nicht zu kommen. Wir mussten zwanghaft in die Kirche gehen, jeden Tag. Das haben wir später, als wir etwas älter waren, auf den Arm genommen. Da wurde von Demut geredet, von Füreinander-da-sein, von Unterstützen und Helfen und so weiter. Die Realität sah ganz anders aus. Das Tagesgeschehen war völlig anders als das, was in der Kirche täglich gepredigt wurde.

Wie war das Tagesgeschehen?
Das sind ganz festgelegte Abläufe. Das fängt morgens mit Aufstehen, Waschen, Frühstück und so weiter an. Wir waren ständig unter Beobachtung, selbst auf der Toilette. Wir waren mindestens immer zehn Leute gleichzeitig, plus Personal, und waren niemals alleine. Wir hatten nichts, was wir unser Eigen hätten nennen können. Wir durften keine Bilder aufhängen. Es gab immer nackte Wände. Wir hatten nur zu funktionieren.

In Hephata war auch der Neurologe Willi Enke lange tätig. Haben Sie ihn kennengelernt?
Klar. Der war ja unser Arzt dort, wenn irgendwas war.

Wie haben Sie ihn in Erinnerung?
Bedrohlich. Er wirkte auf einen kleinen Jungen, wie ich damals einer war, sehr streng. Man kann das gar nicht beschreiben. Der hat einen sehr harten Gesichtsausdruck gehabt.

Sie haben auch Medikamente dort bekommen. Was war das, und was hat das bewirkt?
Ich kann mich an eines besonders intensiv erinnern, denn das ist ein Megahammer, und so heißt das Ding auch: Megaphen. Das wirkt sehr schnell, gerade auf einen Fünfjährigen. Man wird regelrecht sediert. Das hat mit Müdigkeit und Schlafen nichts mehr zu tun, das ist eine Chemiekeule. Später habe ich erfahren, dass das eigentlich erst ab 16 Jahren verabreicht werden darf, und ich war fünf. Man wollte seine Ruhe haben. Dann hat man reihenweise die Leute damit abgefüllt.

Die anderen Kinder genau so wie Sie?
Im Tagesraum standen diese kleinen weißen Schiffchen mit lauter bunten Sachen da drinnen. Jeder wurde mit diesem Zeug abgefüllt.

Sie haben der Filmemacherin Sonja Toepfer geschildert, wie Sie nach dem Schlaf mit einem solchen Medikament geweckt wurden und das Aufstehen wie Folter empfunden haben. Was ist da passiert?
Sedierung ist etwas völlig anderes als ein leichter Mittagsschlaf. Wenn Sie dann geweckt werden, um spazieren gehen zu sollen, jeden Tag, dann ist das sehr, sehr schmerzhaft. Das tut weh. Das ist meiner Meinung nach schwerste Körperverletzung.

Über wie lange Zeit haben Sie dieses Medikament bekommen?
Solange ich im Haus Zoar war, das war die Neurologie für Kinder. Ich war mit fünf Jahren ins Haus Zoar gekommen. Da war ich drei Jahre lang, wie ich heute weiß.

Später haben Sie diese starken Medikamente nicht mehr bekommen?
Ja, weil ich dann außerhalb des Zugriffs war von der Frau Dr. Göschel, das war auch so eine Neurologin und Psychologin.

Der leitende Arzt Dr. Enke hat nach seinen eigenen Angaben auch eine schmerzhafte Schädeluntersuchung an Kindern in Hephata vorgenommen, die Pneumenzephalographie. Auch an Ihnen?
Ja, das habe ich aufgrund der Akten nachvollziehen können. Man hat Todesschmerzen, man hat große Wissenslücken, große Koordinationsschwierigkeiten, man ist kaum erreichbar. Ich habe sehr lange dafür gebraucht, mich wieder davon zu erholen. Ich war vollständig neben der Spur. Ich weiß noch, dass ich nach diesem Eingriff morgens nichts essen konnte. Ich konnte nichts bei mir behalten. Nur ein Bissen Marmeladenbrot – das schmeckte so etwas von ekelhaft in dem Moment.

Sind Sie vorbereitet worden auf den Eingriff?
Nein. Ich vermute, dass sie das in Kombination mit Megaphen gemacht haben. Also schnappt man sich den Schlafenden und ab nach Bethesda. Das war das Krankenhaus in Hephata, neben der Kirche.

Wissen Sie das auch von anderen Kindern?
Nein. Ich vermute aber, dass das unter den Tisch gekehrt wurde. Man hat das nicht an die große Fahne gehängt.

Wurde eine Zustimmung von einem Erziehungsberechtigten eingeholt?
Nein. Wer hätte das sein sollen?

Wie wurden Sie behandelt, wenn Sie krank waren in Hephata?
Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel. Das Kind hat beidseitige Otitis media, auf Deutsch Mittelohrentzündung. Dann hat Hephata mit dem Jugendamt in Bremen korrespondiert, wer die Kosten trägt, während dem Kind der Eiter aus den Ohren auf das Kissen lief. Rasende Schmerzen. Und die korrespondieren darüber, wer die Kosten für die Behandlung trägt. Heute weiß ich, dass es um 16,50 Mark ging. Erst als geklärt war, wer die Kosten trägt, wurde ich behandelt.

Lässt sich das heute aufgrund der Akten aufarbeiten?
Ich habe zum Glück die Originale in der Hand gehabt. Da steht das ganz klar drin, womit ich vollgestopft wurde an Chemikalien. Ich bin sicher, irgendwann werden die Akten geöffnet für die Forschung. Aber dafür müssen wir erst sterben.

Wie sind Sie an die Akten gekommen?
Ich habe einen Trick angewandt. Ich bin in den 70er Jahren zur Hauptfürsorgestelle Bremen gegangen, die hat die Akten angefordert. Die wurden mir ausgehändigt, ich hatte sie für zwei Tage und habe sie vollständig fotokopiert.

Was würden Sie sich heute von Hephata wünschen?
Die behaupten, die Akten seien vernichtet. Aber das glaube ich nicht. Wenn, dann sind sie digitalisiert worden. Ich wünsche mir, dass sie ihren Namen leben. Hephata heißt ins Deutsche übersetzt: „Tue Dich auf“. Das heißt: Stehe auf, steh zu Dir selber, öffne Deine Archive. Dann geht ein Aufschrei durch die Bevölkerung, für ein, zwei Jahre, denn Hephata hat schwerste Schuld auf sich geladen.

Haben Sie Kontakt zu anderen ehemaligen Hephata-Bewohnern?
Jedes Jahr im September gibt es die Hephata-Festtage, da haben wir das Ehemaligentreffen. Da finde ich ungefähr 20, 30 Leute aus meiner Zeit von damals. Die meisten sind, was Hephata betrifft, ein bisschen auf Krawall gebürstet.

Haben Sie da auch über Medikamentenversuche gesprochen?
Das ist eines der Schwerpunktthemen: der massive Missbrauch von Medikamenten. Jeder von denen hat seine eigene Geschichte dazu. Auch über Pädophilie.

Pädophilie? Was wissen Sie darüber?
Wenn wir im Duschraum waren und die Erzieher reinkamen, dann verlangten die von uns immer, dass wir die Hände da vorne wegnehmen. „Ihr seht doch alle gleich aus“, haben sie gesagt. In Wirklichkeit waren wir für die eine Peep Show. Da bin ich mir absolut sicher.

Gab es auch Missbrauch?
Ja. Es gab den Anstaltselektriker, der war fettleibig und roch streng. In der großen Pause stand der immer am Schulhof und wollte jemanden haben, der ihm im Garten hilft. Eines Tages hat er mich gegriffen, und hinterher wusste ich, warum er immer am Zaun stand und immer Jungs suchte. Das war ein Pädophiler. Der wusste genau, dass wir nicht gut ernährt waren. Wir hatten immer Hunger.

Das hat er ausgenutzt?
Genau. Der hatte eine klitzekleine Wohnung im Dachgeschoss, da war ich nur ein Mal. Der lag dann auf dem Bett, griff mich am Handgelenk und zog sie unter die Decke, und dann musste ich sein Geschlechtsteil anfassen. Er merkte, dass ich darauf überhaupt nicht ansprach und hat ganz schnell abgelassen, denn er wollte es sich nicht mit Hephata verscherzen. Dann gab es noch einen, der kam jedes Wochenende mit der Kamera. Der hat Hunderte, vielleicht Tausende von Bildern gemacht von uns. Vor ein paar Jahren gab er mir einen Stapel Bilder. Da war ein Bild dabei, auf dem einer unserer Jungs splitterfasernackt war. Da hat er mit der Kamera draufgehalten.

Hat die Hausleitung nichts dagegen unternommen?
Der Hausvater, der mir völlig grundlos in die Fresse gehauen hat, dieser Mann hatte nicht den Schneid, dem Herrn zu sagen, dass er sich bitte nicht mehr blicken lassen solle. Der kam zu drei Jungs, ich war einer davon, und sagte zu uns: Sagt ihm bitte, er soll sich in Hephata nie wieder blicken lassen. Das haben wir dann gemacht, als die Kirche aus war und wir vor der Tür standen. Da war das Sanfte und Weiche, was er all diese Jahre hatte, mit einem Mal verschwunden. Wir sollten gefälligst die Fresse halten, sonst würde er uns eine reinhauen. Den Mann haben wir seit dem Tage nie wieder gesehen.

Wie hat der Hausvater das Haus geführt?
Es gab da einen Zettel, DIN A4, wo draufstand, wie sie mit uns umgehen sollten. Sie durften uns nicht schlagen. Aber genau das haben sie getan, und wie! Oft reichte ein Blick. Ich war am Bohnern mit Bohnerwachs. Kommt der Hausvater aus dem Büro mit der Akte in der Hand, fragt mich, ob ich den Boden so in Ordnung fände. Ich sage Ja. Da dreht der sich um und schlägt mir mit der flachen Hand voll ins Gesicht. Was glauben Sie, wie das geblutet hat. Dieser Mann war ein Choleriker. Der hat sich vom einfachen Erzieher hochgeschleimt und hochgeprügelt.

Das waren keine ausgebildeten Erzieher?
Überhaupt nicht. Ich nenne sie Handwerksflüchtlinge. Deutschland war vom Krieg zerstört und musste neu aufgebaut werden. Diese Leute waren nicht bereit, bei Wind und Wetter Leitungen zu verlegen. Also machten sie auf Jesus Christus und gingen ab ins Heim. Und glaubten in ihren Wahnvorstellungen, dass das einfacher wäre als ein Haus zu bauen.

Dann waren sie überfordert mit den Kindern und Jugendlichen.
Richtig, so ist es. Die nahmen sich die Freiheit heraus, jederzeit zu schlagen. Wenn ein Neuer kam und hat ihn schräg angeschaut, dann wollte der sagen: „Ich bin hier der Leitwolf“, und hat zugeschlagen.

Interview: Pitt von Bebenburg

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