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Der Main-Neckar-Ried-Express entgleiste im Sommer 2018 auf dem Weg von Mannheim nach Frankfurt.

Main-Neckar-Ried-Express

Bahn-Unglück im Sommer 2018: Schuld war eine tragische Entscheidung

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Der Untersuchungsbericht gibt einer Fahrdienstleiterin die Schuld an dem Unfall im Sommer 2018 bei Groß-Rohrheim. Sie war Anfängerin in dem Job - und alleine im Stellwerk Biblis.

Ende Juli vergangenen Jahres entgleiste bei Groß-Rohrheim (Kreis Bergstraße) ein Regionalzug auf dem Weg von Mannheim nach Frankfurt. Jetzt steht die Ursache fest. Schuld ist ein grober Fehler der Fahrdienstleiterin im Stellwerk Biblis. Das geht aus einem Bericht hervor, den die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung im Internet veröffentlicht hat.

Es ist der erste Main-Neckar-Ried-Express, der sich an diesem trockenen Sommertag auf nach Frankfurt macht. Gegen fünf Uhr steigen in Biblis die frühen Pendler zu. Im Stellwerk wenige Meter weiter will die Fahrdienstleiterin die Strecke bis zum nächsten Halt in Groß-Rohrheim einstellen.

Die Frau arbeitet noch nicht lange in diesem Job. Ihre Qualifikation zur „Eisenbahnerin im Betriebsdienst Fachrichtung Fahrweg“ bekam sie erst wenige Monate zuvor, am 31. Januar 2018. Nach einer Einarbeitung prüfte die Bahn ihre Kenntnisse auf dem Stellwerk Biblis Anfang März, später vier weitere Male. Es ist ihr 51. Arbeitstag in diesem Job, an dem sie den Regionalexpress 4550 zum Entgleisen bringen sollte.

Deutsche Bahn: Zugentgleisung in Groß-Rohrheim

An diesem 30. Juli laufen in Groß-Rohrheim umfangreiche Bauarbeiten. Die Bahn macht den Halt fit für die geplante S-Bahn Rhein-Neckar und modelt die Bahnsteige um. Deshalb muss der RE4550 in ein anderes Gleis als üblich einfahren. Die Fahrdienstleiterin weiß das und legt als nächstes Ziel des Zuges den Ersatzbahnsteig ganz rechts fest.

Nur leider: Die entsprechende Weiche bewegt sich zwar, ihre Zunge kommt aber nicht in die Endlage. Folglich bleiben die Signale vor Groß-Rohrheim auf Rot. Das Stellwerk zeigt entsprechende Fehlermeldungen.

Die Fahrdienstleiterin reagiert. Sie löscht den gewünschten Fahrweg, stellt direkt die betroffene Weiche mehrfach hin- und her, schüttelt sie also ein wenig durch – und fordert dann erneut die Route zum Ersatzbahnsteig an. Zwischenzeitlich war der doppelstöckige Regionalzug in Biblis losgefahren; er steht nun vor Groß-Rohrheim.

Main-Neckar-Ried-Express blockiert die Strecke

Die Weiche bleibt zickig, wieder erreicht sie die Endlage nicht, was das Stellwerk erneut anzeigt. Das Signal bleibt rot – und nun blockiert der wartende Regionalexpress das Hauptgleis der Riedbahn. Jener Strecke, die die am höchsten ausgelastete im kompletten ICE-Netz der Deutschen Bahn ist. 

Die Fahrdienstleiterin, alleine im Stellwerk, gerät offenbar unter Stress – und begeht einen verhängnisvollen Fehler. Sie greift zum Zugfunk und gibt dem Lokführer den Auftrag: Weiterfahrt trotz Rot zeigender Signale.

Um 5.08 Uhr zeichnet der Lokführer den Befehl gegen. Zwei Minuten später beschleunigt er den RE4550 auf gut 30 Kilometer pro Stunde. Kurz danach bemerkt der Lokführer „Fremdgeräusche“ und eine holprige Fahrt. Er leitet eine Schnellbremsung inklusive Sandausgabe ein, weil er eine Entgleisung vermutet.

Damit liegt er richtig. Der erste Wagen des Zugs steht halb auf dem mittleren Gleis, halb im Schotter daneben. Auch der zweite Wagen gerät in Mitleidenschaft, der Ober- und Unterbau der Gleise, die Signal- und Fernmeldeanlagen. Gesamtschaden: mehr als 800.000 Euro. Verletzt wird laut Untersuchungsbericht niemand; in der Lokalpresse meldet sich nach dem Unfall ein Reisender, der sich eine Zerrung am Bein geholt haben will, als er beim Aussteigen mit seinem Fahrrad in ein Loch getreten und gefallen sei.

Die Räder stehen neben und zwischen den Schienen – die Entgleisung in Groß-Rohrheim.

Dennoch hatte die Entgleisung heftige Auswirkungen auf den Zugverkehr. Zur Bergung musste erst ein Schwerlastkran aus Leipzig anrücken. Die Reparaturarbeiten an Gleisen und Technik dauerten mehrere Tage; alle Züge des Fernverkehrs fuhren in dieser Zeit entlang der Bergstraße und über Darmstadt – und eine halbe Stunde länger als vorgesehen.

Bahn-Unglück: Fahrdienstleiterin verliert ihre Funktion 

Das betroffene Fahrzeug ist nach Beobachtungen der Frankfurter Rundschau erst seit wenigen Wochen wieder repariert im Einsatz. Die Wagen fehlten vor allem im Sommer 2018, als die Twindexx-Flotte des Main-Neckar-Ried-Expresses frisch auf der Riedbahn im Einsatz war und wegen Nachjustierungen immer wieder in die Werkstätten musste. Deshalb waren viele Züge kürzer und fielen teils ganz aus. Jedes Fahrzeug wurde dringend gebraucht.

Der Fahrdienstleiterin brachte der Unfall das frühe Ende ihrer Karriere: Die Deutsche Bahn teilte auf Anfrage der Frankfurter Rundschau mit, die Frau werde nicht mehr in dieser Funktion eingesetzt. Die Weiche sei technisch gestört gewesen.

Untersuchungsberichte  zu den Unfällen in Groß-Rohrheim, Großen-Buseck und Frankfurt-Griesheim: www.FR.de/bahnunfaelle.

Auch zu einem Unfall an der Vogelsbergbahn Ende Mai 2018 in Großen-Buseck (Landkreis Gießen) liegt der abschließende Bericht vor. Dort krachte ein Zug der Hessischen Landesbahn in einen Lastwagen. Der Lokführer wurde lebensgefährlich verletzt. Die Experten bewerten die Verkehrssituation am Bahnübergang kritisch. 

Beim entgleisten ICE in Basel entschieden im Februar 2019 nur Sekunden zwischen Leben und Tod. Ein Schweizer Bericht rekonstruiert sekundengenau, was sich zutrug. Und prangert Sicherheitsdefizite an. 

In Frankfurt-Griesheim verursachte im Februar 2017 ein fataler Fehler des Lokführers einen Crash. Der ICE rauscht hoch auf den Bahnsteig. Die Bilder des Unfalls gehen um die Welt. Jetzt ist klar, wie es zu dem Unfall kommen konnte. 

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