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Deutsch lernen wird schwieriger im Kreis Groß-Gerau

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Von: Annette Schlegl

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Viele neu zugewanderte Kinder müssten erst alphabetisiert werden. Das raubt den Lehrkräften der Intensivklassen viel Zeit.
Viele neu zugewanderte Kinder müssten erst alphabetisiert werden. Das raubt den Lehrkräften der Intensivklassen viel Zeit. © Michael Schick

Die Lehrkräfte von Intensivklassen im Kreis Groß-Gerau senden einen Hilferuf: zu große Klassen, zu wenig Personal, zu viele Analphabeten.

Die Lehrer und Lehrerinnen von Intensivklassen an Schulen im Kreis Groß-Gerau schlagen Alarm. Zum einen wegen ihrer Überforderung, zum anderen wegen zu großer Klassen und zu weniger Schulstunden für die Kinder und Jugendlichen verschiedener Nationalitäten, die erst seit kurzem in Deutschland leben. Die Zuwanderung von ukrainischen Kriegsflüchtlingen habe das System der Beschulung von Seiteneinsteiger:innen ohne Deutschkenntnisse – und auch häufig ohne Alphabetisierung – an ihre Grenzen geführt, klagen die Lehrkräfte. Verschlechterte Rahmenbedingungen träfen die Ärmsten und Schwächsten.

Stefanie Margaritis vom Kreisverband Groß-Gerau der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) berichtet von 732 ukrainischen Schüler:innen, die dem Kreis Groß-Gerau binnen weniger Wochen zugewiesen worden seien. Weitere 155 junge ukrainische Kriegsflüchtlinge hätten noch keine Zuweisung. Außerdem gebe es eine hohe Dunkelziffer ukrainischer Kinder und Jugendlicher, die noch online am Unterricht in ihrer Heimat teilnähmen und noch nicht beim Schulamt angemeldet seien. Ein Programm zur Gewinnung von ausgebildeten Lehrkräften für Deutsch als Zweitsprache tue not. „Es herrscht Mangel“, so Margaritis.

Klassen wieder verkleinern

Die Situation in den Intensivklassen sei kritisch, sagen die Lehrkräfte aus weiterführenden Schulen, die sich am Donnerstag zum Pressegespräch zusammengefunden haben, aber namentlich nicht genannt werden wollen. In den InteA-Klassen (Integration durch Anschluss) in den beruflichen Schulen des Kreises seien die Probleme ähnlich gelagert, berichtete eine Lehrerin.

Zusammen mit der GEW fordern die Lehrkräfte, dass an weiterführenden Schulen nicht 19, sondern maximal 16 Schüler:innen verschiedener Jahrgangsstufen in den Intensivklassen unterrichtet würden. Das Kultusministerium hatte jüngst die Gruppengröße hochgesetzt. Der Teiler in InteA-Klassen liege sogar bei 20. Altersstufen von zehn bis 16 Jahren, verschiedene Herkunftsländer und Muttersprachen, verschiedene Religionen, zum Teil traumatisierte Kinder, unterjährige Zugänge – das alles führe zu sehr heterogenen Klassen. Bei einer Klassengröße von 19 könnten die einzelnen Schüler und Schülerinnen weniger gefördert werden. Entsprechend schwierig sei es für sie, schnell Deutsch zu lernen und sich in den Regelunterricht zu integrieren. Die Anschlussperspektiven für die Seiteneinsteiger:innen ließen ebenfalls zu wünschen übrig, so die Lehrkräfte.

Dass die Beschulung in den Intensivklassen auf 22 Wochenstunden heruntergefahren wurde – bei der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 waren es noch 28 Wochenstunden – erschwert das Deutschlernen zusätzlich. Dass einige Kinder generell nicht alphabetisiert oder der lateinischen Schrift nicht mächtig sind, macht es noch schwieriger. „Laut Kultusministerium sind die Intensivklassen reine Sprachkurse. Wir fordern daher Alphabetisierungsklassen“, sagt Margaritis. Es sei auch ratsam, integrationsfördernde Fächer wie Sport oder Musik in den Intensivklassen-Unterricht aufzunehmen.

Die GEW pocht auf die Anbindung des Beratungs- und Förderzentrums (BfZ). „Wir haben keine Fachkräfte für Kinder mit Lernbehinderungen oder Traumata“, sagen die Lehrkräfte. Die Schulen bräuchten vor allem für die vielen traumatisierten ukrainischen Kinder Sozialarbeiter:innen und Schulpsycholog:innen – aber die sind Mangelware. Nur die schlimmsten Fälle würden beim BfZ auftauchen. Es sei für die Intensivklassenlehrkräfte auch aufreibend, dass Kinder nichtdeutscher Herkunft ausgeklammert seien vom Besuch einer Förderschule.

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