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Der Weg dieser Moskitomaske ins Frankfurter Weltkulturen-Museum ist geklärt.Wolfgang Günzel/Weltkulturen-museum
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Der Weg dieser Moskitomaske ins Frankfurter Weltkulturen-Museum ist geklärt.

Frankfurt

Detektivischer Spürsinn gefragt

  • Anja Laud
    VonAnja Laud
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Forschung am Museum der Weltkulturen ist oft aufwendig, denn das Archiv wurde im Krieg fast völlig zerstört.

Wenn es darum geht, die Geschichte eines der weit mehr als 67 000 Objekte, die sich in der Sammlung des Weltkulturen Museums in Frankfurt befinden, zu erforschen, müssen die Kuratorinnen und Kuratoren des Hauses oft einen detektivischen Spürsinn entwickeln. Schaffen sie es, die genaue Provenienz eines Objektes zu ermitteln, profitieren davon nicht nur die Wissenschaft und die Museumsbesucherinnen und -besucher. Auch für die jeweilige Gemeinschaft aus der es stammt, ist es ein Gewinn.

„Sehen Sie hier die Nummer?“, fragt Mona Suhrbier, Amerika-Kustodin und stellvertretende Direktorin des Weltkulturen-Museums, und tippt auf eine Fotografie, die die Rückseite einer Maske zeigt. „8/1634“ ist auf dem Objekt, gut erkennbar, mit einem schwarzen Stift geschrieben. Diese Zahlenkombination erwies sich als entscheidend, um ihre Herkunft und schließlich auch Bedeutung zu klären.

„Das ist eine Katalognummer der MAI-Heye-Foundation“, sagt Suhrbier. Die Stiftung geht zurück auf George Gustav Heye, einem wohlhabenden New Yorker, dessen Sammlung von Artefakten indigener Völker in Amerika in das National Museum of American Indian in Washington einging. 1918 kaufte Heye, wie aus einer Karteikarte der Stiftung hervorgeht, die Maske des in Kanada beheimateten Volks der Kwakwaka’wakw von der Fred Harvey Company in Santa Fé, die damals indigenes Kunsthandwerk zu Geld machte. Irgendwann danach muss diese dann von Heye an den französischen Kunsthändler Charles Ratton verkauft worden sein, der auch während der deutschen Besetzung Frankreichs seinen Kunsthandel weiter betreiben konnte. 1941 kauften die Frankfurter ihm das Objekt ab.

Der Blick auf die Karteikarte der MAI-Heye-Foundation bestätigte neben der Herkunft auch etwas, was Mona Suhrbier davor schon lange vermutet hatte. „Es ist eine Moskitomaske, keine Rabenmaske, wie manche Fachleute vorher meinten“, sagt sie.

Dass die Provenienzforschung am Weltkulturen-Museum oft nicht leicht ist, liegt am Kolonialismus, einer Zeit, in der Menschen in unter Fremdherrschaft stehenden Ländern Objekte geraubt, unter zweifelhaften Bedingungen abgekauft oder abgeschwatzt haben. Es liegt zum Teil auch an der Geschichte des Weltkulturen-Museums selbst. Es ging aus dem 1904 gegründeten städtischen Völkermuseum hervor. Dessen Archiv wurde 1944 während des Zweiten Weltkriegs bei einem Bombenangriff fast völlig zerstört. „Den Weg der Sammlungsstücke in unser Museum können wir deshalb nur mit Recherchen in anderen Institutionen und Archiven annähernd nachvollziehen“, erklärt die Anthropologin.

Suhrbier und ihre Kolleginnen und Kollegen erhalten immer wieder E-Mails von ethnischen Gemeinschaften aus aller Welt, die wissen wollen, was das Weltkulturen-Museum an Objekten aus ihren Kulturen in Besitz hat. Mit der Provenienzforschung einher geht immer die Frage, ob Artefakte aus einem kolonialen Kontext stammen und daher an ihre ursprünglichen Besitzer:innen zwingend zurückgegeben werden müssen. Inbesondere menschliche Überreste, Grabbeigaben und Objekte, die bei Begräbnisritualen genutzt werden, müssen restituiert werden. Das regeln bereits viele Gesetzgebungen anderer Länder, etwa der „Native American Graves Protection and Repatriation Act“, ein Bundesgesetz der USA zum Schutz der indigenen Kultur. Da in Deutschland vieles noch nicht juristisch geregelt ist, orientieren sich deutsche Museen auch an den Gesetzgebungen der Herkunftsländer der Objekte.

In Fällen, bei denen kein Unrechtskontext nachgewiesen werden kann, entscheiden sich Museen nach einer Einzelfall-Prüfung für eine Repatriierung, also die freiwillige Rückgabe an das Ursprungsland. Artefakte können aus moralischen Gründen repatriiert werden, beispielsweise an die Nachfahren der ursprünglichen Besitzenden, wenn mit ihrer Hilfe Rituale und Traditionen weitergeführt werden können.

Das Weltkulturen-Museum wird von 5. Oktober an die Ausstellung „Invisible Inventories“ (Unsichtbares Inventar) zeigen, die auch im kenianischen Nationalmuseum in Nairobi sowie im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln zu sehen sein wird. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie Objekte aus dem heutigen Kenia, die sich in ausländischen Sammlungen befinden, Menschen in dem afrikanischen Land zugänglich gemacht werden können. Ziel des Kenia-Projektes ist es, langfristig eine Datenbank aller kenianischen Objekte aufzubauen, die sich in Museen in Europa und Nordamerika befinden.

Eines der Objekte, das in der Ausstellung zu sehen sein wird, ist ein Schulterschild, das Kikuyu, die größte ethnische Gruppe des Landes, bei Initiationsriten trugen, während denen Jungen in die Gemeinschaft der Männer aufgenommen werden. „Das Wissen, wie diese Schilde hergestellt wurden, ist über die Zeit verloren gegangen“, sagt Leonie Neumann, Kustodin der Abteilung Afrika. Es sei sinnvoll, dieses Objekt zurückzugeben, so dass Handwerker:innen die Herstellungweise an einem Original studieren könnten.

Handwerkstechniken und die damit verbundenen Traditionen fördert das Museum für Weltkulturen auch, in dem es Objekte von indigenen Künstlerinnen und Künstlern aus unterschiedlichen Ethnien ankauft. Zuletzt erstand das Museum etwa in Kanada einen menschenfressenden Rabenvogel, eine Tanzmaske. Deren Provenienz ist eindeutig. Tom D. Hunt, ein First-Nation-Künstler des Kwakwaka’wakw-Volkes, hat es für das Museum eigens geschaffen.

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