Gastbeitrag

Der Ort, wo meine Freiheit begann

Von Negah Amiri, Comedienne aus Wiesbaden.

Ich frage mich oft, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht mit zwölf aus dem Iran nach Hessen gekommen wäre. Ich weiß es nicht, aber ich hätte bestimmt in Angst gelebt. In Angst davor, ob mein Kopftuch richtig sitzt, wenn ich beim Shoppen bin. Ich hätte in Angst gelebt und mich gefragt, ob es okay ist, mit einem Mann unterwegs zu sein, mit dem ich nicht verheiratet bin.

Hessen ist für mich der Ort, wo meine Freiheit begann. Es ist der Ort, an dem ich begonnen habe, mein freies Leben ohne Einschränkungen zu leben. Ich vergesse nie, wie meine Mama gesagt hat: „Wir ziehen jetzt nach Deutschland und müssen nie wieder unfreiwillig ein Kopftuch tragen und du kannst endlich in eine Schule, wo Jungs und Mädchen in dieselbe Klasse gehen und dieselben Rechte haben.“ Und so kam es auch.

Ich habe meine Heimat Iran so oft vermisst und wollte zurück, doch heute kann ich wie noch nie zuvor diese Worte so gut verstehen. Hessen ist für mich eine neue Leinwand, die mir die Freiheit gab, auf der ich mein Leben so zeichnen konnte, wie ich es will und nicht wie es ein Regime mir aufzwingt. Hessen ist für mich Demokratie und der Ort mit unbegrenzten Möglichkeiten.

Ich wollte als Jugendliche rebellieren, rauchen, saufen und Partys feiern – und all das war in Hessen möglich. Gleichzeitig wollte ich mein Abi machen und auch Männer kennenlernen. Und auch das konnte ich hier machen. Nach dem Abi wollte ich Medien studieren und reisen und konnte es von hier aus tun.

Nach dem Studium wollte ich Moderatorin sein und konnte in Hessen bei einem tollen Sender moderieren – Hessen hat mir das ermöglicht. Und nun reise ich durch ganz Deutschland mit meinem Comedy-Programm, und es hat alles hier in Hessen begonnen. Hessen ist Multikulti, aber ich habe mich nie fremd gefühlt. Offenheit, Toleranz und Beistand, deshalb ist Hessen meine neue zweite Heimat. Hier konnte ich nicht nur die deutsche Sprache lernen, sondern auf bilingualen Schulen weitere tolle Sprachen und Kulturen erlernen.

Hessen hat mir nicht nur die Tür zum Deutschsein geöffnet, sondern auch zum International- und Grenzenlossein. Ich habe hier deutsche, türkische, persische, afghanische, asiatische, spanische, russische, bosnische, britische, amerikanische Freunde. Ich habe hier in Hessen nicht nur Hessisch gelernt, sondern die Welt kennengelernt. Wenn mir mal zu Hause in Wiesbaden langweilig ist, brauche ich nur 20 Minuten nach Frankfurt zu fahren und ich lerne tolle Menschen aus aller Welt kennen. Hessen ist mein Zuhause, hier fühle ich mich wohl und nie allein. Hessen ist für mich wie meine neue Adoptivfamilie, die es mir ermöglicht hat zu träumen und ein neues, sicheres Leben mit unbegrenzten Möglichkeiten zu führen und das als Frau, die es in ihrer Heimat definitiv nicht so leicht hätte, und dafür bin ein Leben lang und darüber hinaus dankbar.

Ich wünsche mir für die nächsten Jahre in Hessen, dass wir diese Toleranz und Offenheit nicht verlieren. Ich wünsche mir, dass ich abends immer noch unbekümmert in die S9 einsteigen kann, um wieder nach Wiesbaden zurückzufahren und dabei in lächelnde Gesichter zu schauen und mir als Frau keine Sorgen machen muss. Ich hoffe, dass wir die momentane Krise gemeinsam überstehen und es gemeinsam schaffen, die Wirtschaft, Kunst und Kultur noch stärker als zuvor zu machen.

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