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„Der Hippie hat sich im Laufe der Jahrzehnte sehr gewandelt“

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Von: Meike Kolodziejczyk

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Nicht nur auf den Bühnen wird viel geboten, sondern auch davor und dazwischen. Hier ist zum Beispiel der Kinderumzug zu sehen. Günter Zint
Nicht nur auf den Bühnen wird viel geboten, sondern auch davor und dazwischen. Hier ist zum Beispiel der Kinderumzug zu sehen. Günter Zint © Günter Zint

Freaks und Musik-Fans pilgern 2022 wieder zum Herzberg-Festival. Geschäftsführer Gunther Lorz über die Folgen von Corona, Utopien und die Kraft der Gedanken an Liebe und Frieden

Eine Woche noch, dann ist endlich wieder Herzberg-Festival, nach zwei Jahren Pause wegen der Pandemie. Worauf freuen Sie sich am meisten, Herr Lorz?

Einfach darauf, dass wir uns wieder treffen und zusammen feiern, tanzen und sein können. Das ist ja quasi in unserem Hormonhaushalt drin, und der ist jetzt zwei Jahre ins Leere gelaufen. Wir sind so froh, dass das Festival wieder möglich ist, und guten Mutes, dass sich an der Stimmung nichts geändert hat und wir das so erleben werden, als hätte es diese zwei Jahre nicht gegeben.

Aber es hat sie gegeben. Welche Spuren hat Corona hinterlassen?

Was sich besonders schmerzlich geändert hat, sind die Eintrittspreise. 2019 haben wir für dieses Festival noch Tickets für 109 Euro verkauft. Dieses Jahr kostet das Ticket 187 Euro im Vorverkauf. Und ich hätte es nie für möglich gehalten, dass wir mal zu einem Abendkassenpreis von 200 Euro kommen. Was für eine Horrorzahl! Das ist eine ganz schlimme Entwicklung, die für uns existenzbedrohend werden kann.

Warum sind die Eintrittspreise derart explodiert?

Personalkosten spielen bei uns eine große Rolle. Wir haben etwa 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die dafür sorgen, dass das Festival läuft. Dazu gehören die Leute für die Logistik, den Aufbau, die Technik, die Gastronomie, die Security, die Sanitätsdienste und und und … Mittlerweile verlangen fast alle mehr Geld, weil es in sämtlichen Bereichen einen Mangel an Fachkräften gibt. Ein wichtiger Punkt ist auch, dass der Mindestlohn, den wir bei den Kalkulationen 2019 einberechnet hatten, niedriger war als der, den wir jetzt 2022 haben. Strom und Sprit sind um ein Drittel teurer geworden, so wie eigentlich überall die Kosten gestiegen sind. Das hat nicht nur mit Corona, sondern auch mit der Inflation zu tun. Das müssen wir irgendwie abfangen. Und wir können nicht einfach mehr Tickets verkaufen und mehr Gäste einlassen. Das Gelände ist schließlich begrenzt.

Gab es Hilfen von Bund oder Land?

Das Bundesprogramm „Neustart Kultur“ hat uns schon sehr geholfen. Damit konnten wir die Ausfälle 2020 und 2021 abfedern, und auch für das Festival jetzt haben wir wieder Unterstützung bekommen.

Auch Bands und Musiker:innen haben unter der Pandemie gelitten. Macht sich das ebenfalls bemerkbar?

Natürlich. Ganz aktuell hatten wir zum Beispiel das Pech, dass das Devon Allman Project kurzfristig abgesagt hat. Sie hätten am Sonntag spielen sollen, es wäre ihr einziges Konzert in Europa gewesen. Allein für eine Show aus den USA anzureisen, ist für sie aber aufgrund der Entwicklung der vergangenen Monate wirtschaftlich unmöglich geworden. Solche Probleme haben im Moment tatsächlich einige Bands. Manche können sich die Anreise zum Veranstaltungsort kaum noch leisten, vor allem, wenn sie aus dem Ausland kommen und sich keine weiteren Gigs anschließen. Als Ersatz für das Devon Allman Project konnten wir die Blues Pills aus Schweden buchen. Da hatten wir Glück im Unglück, dass das so kurzfristig geklappt hat.

Wenn man das diesjährige Line-up mit dem von 2020, respektive 2021 vergleicht, scheint doch ein Großteil geblieben zu sein.

Das ein oder andere mussten wir schon austauschen. Ein paar Bands haben abgesagt, weil sie dieses Jahr nicht auf Tour sind oder es aus anderen Gründen nicht in ihr Konzept passt. Doch ich bin total froh, dass zum Beispiel eine Band wie Groundation aus Kalifornien mit ihrem Roots Reggae dabeigeblieben ist. Oder New Model Army, die am Samstag Headliner sind und immer tolle Rockkonzerte machen.

Das Festival

Das Burg-Herzberg-Festival in der Gemeinde Breitenbach im Landkreis Hersfeld-Rotenburg gilt als größtes Hippie-Festival Europas. Die erste Ausgabe wurde im Juli 1968 auf der Burg Herzberg ausgetragen – ein Jahr vor Woodstock in den USA . Nach langer Pause in den 70ern und 80ern wurde das Festival 1991 neu aufgelegt. Seit 1998 wird es auf Wiesen und Feldern am Fuße des Burghügels veranstaltet.

Etliche Größen des Rock, Blues, Folk, Reggae und Alternative standen schon auf den Herzberg-Bühnen, darunter Patti Smith, Richie Havens, Eric Burdon, Motorpsycho, Manfred Mann, Graham Nash, Steppenwolf, Hawkwind, Gong oder Can.

Unter dem Motto „All Together, Now!“ treten von Donnerstag, 28. Juli, bis Sonntag, 31. Juli, mehr als 300 Künstler:innen auf fünf Bühnen auf. Das Gelände mit dem Zeltplatz, wo sich stets ein Panoptikum an Wohnmobilen und Lebensweisen bestaunen lässt, öffnet bereits am Montag, 25. Juli.

Zum Line-up gehören neben vielen anderen New Model Army, Groundation, Blues Pills, King Khan & The Shrines, Faber, Wallis Bird, Kadavar, Lazuli, Siena Root, Bukahara, Guru Guru sowie Kai und Funky, Urgesteine von Tone Steine Scherben.

Tickets kosten an den Vorverkaufsstellen 187 Euro, an der Abendkasse 200 Euro. Kinder haben freien Eintritt. myk

www.herzberg-festival.com

Bands wie Guru Guru sind schon seit Jahrzehnten mit von der Partie. Solche Urgesteine sind stets gesetzt, oder?

Guru Guru dürfen im Grunde spielen, wann sie wollen. Es ist jetzt 52 Jahre her, dass sie das erste Mal auf dem Festival aufgetreten sind. Seitdem standen sie fast jedes Jahr hier auf den Bühnen. Alles in allem ist die Basis auf dem Herzberg also geblieben.

Zentrales Fundament des Festivals ist ja auch, dass praktisch die gesamte Gegend mitzieht .

Wenn die ganzen Gemeinden und Bauern nicht mithelfen würden, ließe sich eine derartige Veranstaltung gar nicht machen, speziell in heftigen Regensommern, wenn sich der Campingplatz in eine einzige Schlammwüste verwandelt. Ohne diese breite Unterstützung aus der Bevölkerung könnten wir auch gar nicht planen. Schließlich muss man immer mit dem Schlimmsten rechnen – und ist dann froh, wenn es nicht eintrifft.

Mit einem schlimmen Regensommer ist wohl eher nicht zu rechnen. Eher mit dem Gegenteil, wenn das Wetter so weiter macht wie jetzt.

So richtig heiß ist auch nicht so richtig super. Gerade auf der Hauptbühne stehen die Bands am Nachmittag dann im prallen Sonnenschein, und auf der Wiese davor befindet sich eigentlich kaum jemand, weil es in der Hitze nicht auszuhalten ist. Ich glaube aber fest daran, dass das Wetter nächste Woche gut werden wird.

Was wird sonst noch gut und wie eh und je?

Das Bunte, das Vielfältige. Die Diversität. Mir geht das Herz auf, wenn ich mitbekomme, wer sich alles über die Hotline meldet. Die Vorfreude ist riesig. Wir sind als Festival ein großes, eingeschworenes Team, da gehören die rund 10 000 Besucherinnen und Besucher ja mit dazu. Es ist eine wahre Freude, wie die Utopie Herzberg funktioniert: Dass so viele Menschen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, zu einer Einheit verschmelzen, die allen Kraft gibt.

Passend zum diesjährigen Motto „All Together, Now!“. Wobei „Love and Peace“, das eigentliche Leitmotiv des Herzberg-Festivals, heute aktueller ist denn je. Wird der Krieg in der Ukraine ein Thema sein?

Ich weiß nicht, was die einzelnen Bands und Acts da vielleicht vorhaben. Aber es ist nicht so, dass das Festival direkt Bezug nimmt auf die Ukraine. Ich pflege zu sagen: Das Schlachtfeld wahrer Helden ist der Alltag. Würden die Menschen im Hier und Jetzt einfach etwas mehr an Liebe und Frieden, denken, wäre schon ganz schön viel erreicht.

Das Herzberg-Festival wird gern als Europas größtes Hippie-Festival bezeichnet. Ist das noch ein zeitgemäßes Label?

Es stört mich jedenfalls überhaupt nicht, im Gegenteil. Das Herzberg ist schließlich ein Jahr älter als Woodstock. Und dieser Geist und die zentrale Idee von „Love and Peace“ sind bis heute lebendig. Allerdings hat sich der Hippie im Laufe der Jahrzehnte sehr gewandelt. Der Hippie von 1970 war eine Umweltsau, der das Festival-Gelände zugemüllt hat. Der Hippie von heute hat sich um 180 Grad gedreht und bemüht sich, Müll zu vermeiden. Auch die Sache mit den Drogen hat sich geändert, unser Verhältnis zur Polizei ist ausgesprochen gut.

Der Geist von damals ist also in der Gegenwart angekommen?

Das Herzberg-Festival ist heute ein friedliches, kreatives und buntes Familienfest, auf dem alles vertreten ist, vom Freak, der schon 1968 dabei war, bis hin zu den vielen Kindern, die dem Ganzen eine eigene Note verleihen. Ich bin jedenfalls total euphorisch, dass es ein schönes Festival werden wird und so, wie es vor Corona war.

Interview: Meike Kolodziejczyk

Gunther Lorz, 54, ist seit 2005 Geschäftsführer des Burg-Herzberg-Festivals. Er unterschreibt seine Mails stets mit „Love and Peace“.
Gunther Lorz, 54, ist seit 2005 Geschäftsführer des Burg-Herzberg-Festivals. Er unterschreibt seine Mails stets mit „Love and Peace“. Burg-Herzberg-Festival © Herzberg Festival
Freak-City am Fuße der namensgebenden Burg: Das Festivalgelände 2016 aus der Vogelperspektive.
Freak-City am Fuße der namensgebenden Burg: Das Festivalgelände 2016 aus der Vogelperspektive. Burg Herzberg Festival © Burg-Herzberg-Festival

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