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Matthias Schulze-Böing arbeitete 32 Jahre im Dienste der Stadt Offenbach.
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Matthias Schulze-Böing arbeitete 32 Jahre im Dienste der Stadt Offenbach.

Offenbach

Der Herr der Zahlen macht Schluss

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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Der Leiter des Jobcenters und Amtes für Statistik, Integration und Arbeitsförderung Matthias Schulze-Böing verabschiedet sich in den Ruhestand.

Matthias Schulze-Böing greift in ein kleines Kästchen und angelt einen roten Kreisel hervor. „Das ist unser Maskottchen“, sagt er und dreht ihn mit einer schnellen Bewegung gekonnt auf den großen Tisch in der Mitte seines Büros. Der sogenannte Stehaufkreisel springt kurz darauf auf seinen dünnen Holzkopf und dreht sich weiter. „Die passen zu der Art, wie wir die Sachen hier angehen“, erklärt der Leiter des kommunalen Jobcenters Mainarbeit und des Amtes für Statistik, Integration und Arbeitsförderung. Die Menschen gut unterstützen, bis sie sich selbst helfen und „auf eigenen Füßen stehen“.

Dieses Prinzip wird auch weiterhin gelten, wenn Schulze-Böing Ende des Jahres in den Ruhestand geht. Nach 32 Jahren im Dienste der Stadt Offenbach ist Schluss, auch wenn der promovierte Staatswissenschaftler der Stadt „im geringen Umfang“ weiter erhalten bleiben wird. In welcher Form ist noch nicht klar. Zudem wird der 66-Jährige einen Lehrauftrag an der Hochschule Fulda annehmen. „Die Arbeit war für mich nie eine Last von der ich mich erholen musste“, sagt er. „Es war immer ein Stück weit Lebenserfüllung.“

Dabei sind Migration, Integration, Arbeitslosigkeit und die soziale Lage der Stadt wahrlich nicht die einfachsten Themen. „Herr Schulze-Böing hat seine Rolle als kluger und umsichtiger Berater und als jemand, der früh vor Fehlentwicklungen warnt, immer ernst genommen“, sagt Stadträtin Sabine Groß (Grüne).

Er hat Dutzende wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht und will dies auch in Zukunft tun. Als Sprecher des Bundesnetzwerks Jobcenter und Mitglied des EU-Ausschusses für Soziales und Beschäftigung war die Expertise und Meinung von Schulze-Böing über die Stadt Offenbach hinaus geachtet und geschätzt. Auch wenn er sich bei Leistungsbeziehern bei der Verteidigung von Hartz-IV unbeliebt machte, untermauerte er seine Aussagen stets mit Zahlen und Fakten. „Ich habe mich immer als Berater der Politik verstanden“, sagt Schulze-Böing, der unter Dezernenten der CDU, SPD und Grünen gearbeitet hat.

„Offenbach war in den alten Sozialhilfezeiten mit Bremerhaven und Gelsenkirchen deutschlandweit an der Spitze“, sagt Schulze-Böing. Zum Jahreswechsel gab es in Offenbach den niedrigsten Stand von Leistungsbeziehern seit es die Daten gibt – und das bei einer stark wachsenden Bevölkerung. „Wir sind aber immer noch eine Stadt, die mehr Probleme hat als andere“, sagt Schulze-Böing, der nördlich von Idstein im Taunus geboren wurde.

Er studierte in Frankfurt Soziologie, Volkswirtschaft, Philosophie und arbeitete in Marburg und Osnabrück als wissenschaftlicher Mitarbeiter, ehe er als Leiter des Referats Beschäftigungsförderung in Offenbach 1988 begann. 1995 wurde er Leiter des Amtes für Arbeitsförderung, Statistik und Integration der Stadt. Seit 2005 führt er die Geschäfte des Jobcenters Mainarbeit. Bei dieser Neukonstruktion in der Regierungszeit von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) war außer dem gesetzlichen Rahmen, wenig vorgegeben, „sodass wir selbst viel gestalten konnten. Das war hochspannend“, findet Schulze-Böing.

Offenbach sei für ihn eine Stadt der Vielfalt, die aber noch nicht ausbalanciert sei. Gerade in den 1990er Jahren und 2000er Jahren habe es einige Schieflagen in den Quartieren gegeben. Dieser Prozess sei zwar gut vorangekommen, aber noch nicht abgeschlossen. „Wir haben nach wie vor eine hohe Armutsquote, die höchste in Hessen und die höchste Arbeitslosenquote, wenngleich es besser geworden ist“, sagt Schulze-Böing. Die Finanzkrise, aber auch der Zuzug von vielen Bulgar:innen und Rumän:innen zwischen den Jahren 2012 und 2014 hätten für Rückschläge gesorgt. Große Fortschritte seien bei der Kinderarmut gemacht worden. „Da war Offenbach auch immer trauriger Spitzenreiter“, sagt Schulze-Böing. Jetzt sei man im Mittelfeld angelangt. Gerade unter den Migrantinnen und Migranten gäbe es viele, die aufsteigen und besser verdienen würden. Diesen Menschen müsste eine Perspektive geboten werden, sonst würden sie aus Offenbach wegziehen.

„Das Jobcenter ist Teil der Stadtgesellschaft und Teil, diese Stadt zukunftsfähig zu machen“, betont Schulze-Böing. Es gehe nicht nur um Arbeitsvermittlung, sondern auch Unterstützung von Familien in Bildungsfragen, bei Wohnungsfragen, da kann ein Jobcenter schon was bewegen. „Wir können die Welt nicht aus den Angeln heben und es braucht immer die anderen Faktoren dazu“, betont er.

Er vergleicht es immer mit dem Bild, eine abwärtslaufende Rolltreppe hochsteigen zu wollen. „Jeder weiß, es geht, aber wenn man stehenbleibt, um es sich bequem zu machen, geht es wieder runter“, sagt Schulze-Böing. Deshalb müsse man schon laufen, um auf der gleichen Position zu bleiben. „Wenn man sich verbessern will, muss man sehr flott laufen“, erklärt er.

Flott will Schulze-Böing jetzt vor allem auf dem Rennrad sein, für das er sonst nicht so viel Zeit gefunden hat. Auch die klassische Gitarre wird sich jetzt über etwas mehr Aufmerksamkeit freuen. Die Stadtentwicklung in Offenbach wird er aber natürlich weiter aus nächster Nähe beobachten.

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