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Der direkte Draht zur Chefin der Wiesbadener AWO

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Von: Madeleine Reckmann

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Beim AWO-Kreisverband Wiesbaden gab es auch Jobs ohne ausgefeilte Bewerbung.
Beim AWO-Kreisverband Wiesbaden gab es auch Jobs ohne ausgefeilte Bewerbung. © Renate Hoyer

Im Gerichtsprozess gegen Vater und Tochter geht es um ein Praktikum und darum, wie Jobs vermittelt wurden. Die Leiterin des Frauenhauses versuchte sich zu wehren.

Was die frühere Leiterin des Frauenhauses der Wiesbadener Arbeiterwohlfahrt (AWO), Alexandra Dumitrescu, vor dem Amtsgericht über die Art berichtet, wie bei der AWO Personal gewonnen wurde, spricht Bände. Es habe zwei institutionalisierte Wege gegeben, eingestellt zu werden, sagt sie. Einer führte über eine offizielle Bewerbung, der andere über die AWO-Geschäftsführung. In allen AWO-Einrichtungen habe es Mitarbeitende gegeben, die von Chefin und Chef Jobs vermittelt bekommen hätten.

Dumitrescu ist als Zeugin geladen in dem Verfahren gegen den früheren CDU-Politiker Wolfgang Gores und seine Tochter wegen Anstiftung und Beihilfe zur Untreue. Es gilt die Frage zu klären, ob Gores sich aktiv dafür einsetzte, dass seine Tochter einen Job bei der AWO erhielt, für den sie Geld kassieren konnte ohne zu arbeiten. Zwei Jahre stand die damals 30-Jährige auf der AWO-Gehaltsliste, bezog insgesamt 53 000 Euro netto und machte keinen Finger krumm. Ist die Tochter versehentlich in diese Situation gerutscht, wie Vater und Tochter behaupten, oder war der Coup von Beginn an eine verabredete Sache, wie die Staatsanwaltschaft annimmt? Und ist die Version der Geschichte, wie Vater und Tochter sie erzählen, glaubwürdig?

So wie Dumitrescu es schildert, nutzte der Vater 2018 unverhohlen den direkten Draht zur AWO-Geschäftsführerin Hannelore Richter, um der Tochter in der Zeit ihrer „Anstellung“ bei der AWO zusätzlich für ihr Studium der Sozialen Arbeit ein Semester-Praktikum im Frauenhaus zu besorgen, für das sie auch nicht arbeitete. Mehrmals habe er sie angerufen, berichtet Dumitrescu, und gesagt, dass das Praktikum mit Richter abgesprochen sei. „Ich habe mich übergangen gefühlt“, so die Frauenhausleiterin. Da kurz zuvor der stellvertretende Geschäftsführer Murat Burcu einer Bekannten eine Stelle im Frauenhaus verschafft habe, worauf alle Mitarbeiterinnen aus Protest kündigten, sei sie geblieben unter einer Bedingung: kein Praktikum für Gores Tochter. Dennoch habe der Vater später angerufen und von „gewissen Rahmenbedingungen“, die mit Richter abgesprochen seien, berichtet und „schelmisch gelacht“. „Gores macht Druck“, habe sie von ihrem Vorgesetzten Gereon Richter, Sohn der Hannelore Richter, gehört. Da sei es noch um ein vierwöchiges Praktikum gegangen, auf das sich die Soziologin einließ. Von diesen vier Wochen besuchte die Tochter nur drei Tage die Einrichtung, später verfasste sie aber einen Bericht über ein halbjähriges Praktikum, den zu unterschreiben Dumitrescu sich weigerte. „Eine Unverschämtheit“, kommentiert sie das. Darauf soll Gores ihr zufolge mehrmals versucht haben, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Sie habe sich aber verleugnen lassen. Das Verfahren wird fortgesetzt.

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