Biblis_6_051120
+
Zahlreiche Uniformierte sichern am Bahnhof in Biblis den Sonderzug mit den Castor-Behältern. Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Aktiven bleiben aus.

Atomkraft

Atommüll erreicht störungsfrei, aber unter Protesten Biblis

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
    schließen

11.000 Einsatzkräfte sichern den Castor-Transport ins südhessische Biblis. Die Anti-Atomkraft-Aktiven beschränken sich auf einen eher symbolischen Protest.

So pünktlich sind auf den Gleisen der Deutschen Bundesbahn die Züge selten unterwegs. Der Transport mit sechs Castor-Behältern hat am Dienstag um 19.36 Uhr den Seehafen Nordenham bei Bremerhaven verlassen. Am Mittwoch um 8.09 Uhr rollt der fast 600 Meter lange Sonderzug mit dem hochradioaktiven Atommüll aus der Wiederaufarbeitungsanlage im britischen Sellafield in den Kleinstadt-Bahnhof von Biblis ein. Ein wenig mehr als zwölfeinhalb Stunden nach der Abfahrt und damit fast genau nach Plan.

Der höchst umstrittene Transport verlief nahezu reibungslos, die Proteste entlang der Strecke quer durch Deutschland störten den Ablauf nicht. In Biblis selbst sind es dann vielleicht 30 Aktive der Anti-Atomkraft-Bewegung, die dort auf einer an den Bahnhof angrenzenden Wiese mit mehreren Pavillons und Bierzeltgarnituren eine Mahnwache errichtet haben und einer riesigen Überzahl an Sicherheitskräften der Bundes- und der hessischen Landespolizei gegenüberstehen.

Es war für Deutschland seit Jahren der erste Transport von Castor-Behältern. Die Massenproteste, die Gleisblockaden, die harte Konfrontation von Uniformierten und dem bunten Volk der Atomkraft-Gegner:innen blieben diesmal aus. So blieb es bei einer eher symbolischen Blockade.

Fünf junge Leute blockieren für eine gute Stunde die Weiterfahrt des Sonderzugs zum stillgelegten Atomkraftwerk in Biblis.

Fünf junge Leute haben sich auf dem Schienenstrang zwischen Bahnhof und Atomkraftwerk niedergelassen. Für knapp eineinhalb Stunden halten sie den Sonderzug auf seinem Weg auf, bis Uniformierte die Blockierer schließlich wegtragen. Nur einer von ihnen setzt dem ein wenig Widerborstigkeit entgegen. Dann rollt der Zug weiter.

Es ist 10.15 Uhr, als die sechs Castoren ihr Ziel, das Zwischenlager für Atommüll neben den Reaktorkuppeln des Kraftwerks, schließlich erreichen. Dort sollen sie stehen, bis igendwann ein Endlager gefunden ist.

Herbert Würth, einer der Sprecher des Aktionsbündnisses „Castor stoppen“, zeigt sich dennoch sehr zufrieden. „Es gab bundesweit 15 Mahnwachen, es ist uns gelungen, deutlich zu machen, dass solche unnötigen Atommüllverschiebungen nicht mehr stattfinden sollten“, sagt er. Es sei absehbar gewesen, dass es entlang der Strecke keine größeren Protestaktionen geben würde. Zumal wegen der Corona-Krise viele Aktive angekündigt hätten, Menschenansammlungen zu meiden. Der Zug war von Nordenham über Bremen, Hannover, Göttingen, Hünfeld, Hanau und Darmstadt nach Biblis gefahren.

Lager

In Biblis gibt es seit 2006 ein Zwischenlager für hochradioaktiven Atommüll. Es ist für 40 Jahre genehmigt.

102 Castor-Behälter mit ausgedienten Brennelementen lagern bereits auf dem Gelände des stillgelegten Atomkraftwerks. Nun sind sechs weitere dazu gekommen. Weitere Transporte nach Biblis sind nicht geplant.

Zwischenlager für hochradioaktiven Atommüll gibt es in Deutschland an zwölf Atomkraftwerken. Hochradioaktiver Müll wird außerdem im niedersächsischen Gorleben gelagert. Weniger strahlender Atomabfall soll in Ahaus (Nordrhein-Westfalen) deponiert werden.

Ein Endlager für den Atommüll gibt es nicht. Er wird zurzeit in einem bundesweiten Verfahren gesucht. Mit einer Inbetriebnahme wird nicht vor dem Jahr 2050 gerechnet. pgh

Umso bemerkenswerter sei der immense Einsatz von Sicherheitskräften. 11 000 sollen es laut Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) insgesamt gewesen sein. „Offenbar“, so Würth, „war man da in Politik und Polizei ziemlich nervös.“ Michael Wilk, Arzt und einer von Würths Mitstreitern, kann dem Großaufgebot der Polizei auch Gutes abgewinnen. „Immerhin haben wir den Aktivistinnen im Hambacher und Dannenröder Forst, wo sie gegen Kohleabbau und den Autobahnbau kämpfen, etwas Luft verschaffen können, weil ja alle Beamten bei uns waren“, sagt er.

Zufrieden äußert sich auch die Polizei. Deren Einsatzkräfte prägten in und um Biblis sowie entlang des gesamten Transports mit unzähligen Mannschaftswagen, Motorrädern und dem ständig gegenwärtigen Kreisen des Hubschraubers über dem Sonderzug das Bild.

„Es ist uns gelungen, den Transport sicher in das Zwischenlager Biblis zu begleiten“, bilanziert Gesamteinsatzleiter Dieter Rein. Dies sei aufgrund der Corona-Pandemie eine besondere Herausforderung gewesen.

Auf hessischem Gebiet gibt es nur kleinere Vorfälle. Am frühen Mittwochmorgen wird bei Steinau an der Straße ein Bus kontrolliert, dessen Insassen sich zum Teil weigern, ihre Identität anzugeben. 13 von ihnen dürfen nicht weiterfahren. Am Bahnhof Hanau-Wolfgang werden mehrere sogenannte Gleiskrallen gefunden und entfernt, die dazu genutzt werden, die Durchfahrt eines Zuges zu blockieren. Zum Einsatz kommen sie nicht.

In Biblis selbst stoßen der Castor-Transport und seine Begleitumstände auf verhaltenes Interesse. Nur wenige Menschen kommen zum Bahnhof, um den Zug zu sehen. „Im Ort ist die Enttäuschung groß, dass das Kraftwerk stillgelegt ist, da sind viele Arbeitsplätze weggegangen“, versucht Fabian Schmidt eine Erklärung. Der 23-Jährige hat Film- und Fotoaufnahmen gemacht. „Ist ja wirklich nichts Alltägliches, so ein Zug“, sagt er.

Auf der anderen Seite der Gleise, im Camp der Mahnwache, hat Erika Scheller-Wagner gegen eine Spende Kaffee und Kuchen ausgegeben. Die 63-Jährige aus Friedberg ist seit Montag da, hat zwei Nächte im Zelt verbracht. „Leute aus Biblis finden sie hier nicht“, erzählt sie. Die stünden den Demonstrierenden eher ablehnend entgegen. Bei der Demo am Dienstag „hat niemand die Flyer nehmen wollen, die ich verteilt habe“.

Den Protest findet sie immer noch wichtig, trotz Atomausstieg. „Wir haben kein Endlager, die Castoren und das Lager in Biblis sind auf Dauer nicht sicher“, ist sie überzeugt. Und dann gebe es da ja immer wieder Leute, die Atomkraft für eine Zukunftstechnologie zur Klimarettung hielten. „Dabei“, sagt sie, „ist das doch wirklich hochgefährlich.“ Man müsse wachsam bleiben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare