+
Harte politische Gegensätze in der Marburger Altstadt-Idylle: Demonstranten auf dem Weg Zum Haus der Burschenschaft.

Burschenschaft Germania Marburg

Demo gegen rechte Netzwerker

Die Burschenschaft Germania Marburg lädt mehrere umstrittene Akteure der rechten Szene ein. Der Protest dagegen verläuft friedlich.

Von Martin Schäfer

Marburg brodelt. Auf halbem Wege zum Schloss bauen Polizisten in Ruhe Absperrgitter auf. Vor der „Germania“, jener als ultrarechts bezeichneten Burschenschaft. Eine fast gewohnte Übung. Wie viel Polizei noch im Hintergrund wartet, das verrät der Polizeisprecher aus einsatztaktischen Gesichtspunkten nicht.

Abgeschottet in ihrem Domizil sollen an diesem Samstagnachmittag drei Chefideologen der Neuen Rechten reden, mit dem Franzosen Alain de Benoist sogar der führende Kopf der europäischen Szene. Rund 150 Burschenschafter werden den Vorträgen lauschen, wie Augenzeugen später berichten.

Hier beobachtet jeder jeden: Die Linken dokumentieren, wer rein- und rausgeht. Die Rechten filmen, wer sich da vor die Haustüre stellt. Die Polizei beide Seiten. Später posten Linke wie Rechte die Aktionen der jeweils anderen in ihren einschlägigen Medien.

Auf halbem Weg den Schlossberg runter ist von der sich anbahnenden Konfrontation nichts zu spüren. Behäbig und konsumsatt schlendern die Passanten nach dem „Black Friday“ durch die Gassen. Der neu aufgelegte Oberstadtmarkt schleppt sich durch den kalt-feuchten Samstag. Etwas später wird hier die Antifa-Demo hindurchdrängen, kurz zur Zwischenkundgebung halten und etliche Bürger der Stadt mit sich ziehen.

Demo gegen rechts

Noch ein paar wenige Straßen tiefer, auf Lahnebene, formiert sich die Demo gegen rechts. Aufgerufen haben der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Partei Die Linke, der Asta der Universität Marburg und viele andere Gruppen. Die zufällig am Vorabend stattfindende Stadtverordnetenversammlung hat sich auf Antrag der Linken mit Ausnahme der FDP hinter die Demo gestellt: SPD, CDU, Grüne und Linke unisono. Bezogen auf das Parteienspektrum zog die Demonstration unter dem Titel „Für die Gesellschaft der vielen – keinen Fußbreit den Faschisten“ selbst nur Sozis, Linke und deren Jugendorganisationen an. Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) rief während der Schlusskundgebung vor dem Haus der „Germania“ laut und klar ins Mikrofon: „Wir mögen in der Stadt keine Nazis“.

Da waren die rechten Referenten längst im Haus. Fünf bis sechs Zugänge hat die Burschenschaft, vor dem Haupteingang standen hinter Absperrgittern schon 35 Polizisten des Polizeipräsidiums Mittelhessen und der Bereitschaftspolizei in Kassel. Dort war auch der Endpunkt der Demo, mit Ansprachen und Musik – wummernde Bässe „gegen rechts“ sollten die rechte Veranstaltung begleiten.

Laut Einladung der Germania soll Benoist einen Grundsatzvortrag „Was ist Populismus?“ halten. Philip Stein aus der Burschenschaft „Germania“ und Sprecher des extrem rechten Dachverbands der Deutschen Burschenschaft (DB), will „fünf Thesen zur Reformation der Rechten“ verbreiten. Stein gilt als einer der Strategen der Neuen Rechten und maßgeblicher Strippenzieher für völkische und fremdenfeindliche Kampagnen. Dem verstorbenen, rechtsmilitanten Franzosen Dominique Venner galt der Vortrag von Benedikt Kaiser, der ansonsten die linke Basisliteratur und -theorie aus rechter Perspektive umdeutet. Kaiser ist auch Autor im von Götz Kubitschek geführten Antaios-Verlag.

Der DGB-Kreisvorsitzende Pit Metz sagte auf der Kundgebung, der neue Faschismus komme nicht mit Glatze, sondern geschniegelt wie die Burschenschafter daher. Ein Think-Tank der Neuen Rechten befinde sich in Marburg bei der Germania. Und: „Wir wollen diesem Spuk ein Ende bereiten“. Er verwies auch darauf, dass sich die Neue Rechte in Gestalt von Parteien wie der AfD nun feste Strukturen gebe und über viel Geld verfüge. Auch die linksaktivistische Gruppe „Dissident“ proklamierte ihre Forderungen gegen Rassismus, Sexismus und Fremdenfeindlichkeit. Die Luxusvillen der Burschenschaften sollten in Frauenhäuser umgewandelt werden – so die überspitzte Formulierung, der am Folgetag eine eigene Demonstration folgen sollte.

In den Augen der Aktivisten ist die Burschenschaft Germania in Marburg ein wichtiger Knoten im Netzwerk rechter Bewegungen. Dem pflichtet auch Reiner Becker, Leiter des Demokratiezentrums Hessen, bei. Das Marburger Zentrum will demokratische Strukturen stärken, dem Rechtsextremismus vorbeugen sowie Betroffenen helfen. Und auch das antifaschistische und bürgerschaftliche Engagement in Marburg ist groß. Nach den rechtsgerichteten Ereignissen in Chemnitz demonstrierten 7500 Menschen Ende September gegen den Rechtspopulismus.

Am Ende ging alles ohne eskalierende Konflikte aus. Marburgs Polizeichef Heinz Frank, der härtere Konfrontation gewohnt ist, zeigte sich zufrieden. Gleich als die interne Einladung der Germania in den sozialen Netzen auftauchte, habe die Polizei die Veranstaltung auf dem Schirm gehabt und dann den Kontakt mit Demo-Leitung und Burschenschaft gesucht. „Es flog kein einziger Farbbeutel“, sagte Frank. Keine Gewalt gegen Personen oder das Erstürmen von Absperrung und Gelände. Für die von manchen als geteilt wahrgenommene Stadt, mit den rechten Burschenschaften auf den Halbhöhen und den Linksaktivisten im Lahntal, ein glimpflicher Ausgang in einer aufgeladenen Zeit.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare