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Homeschooling mit dem Tablet am heimischen Küchentisch habe mit Unterricht nur wenig zu tun, meinen Lehrkräfte.
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Homeschooling mit dem Tablet am heimischen Küchentisch habe mit Unterricht nur wenig zu tun, meinen Lehrkräfte.

Corona

„Das ist wie ein Hindernisrennen“

Die Bildungsgewerkschaft GEW spricht von „Kuddelmuddel“, das Land von „Anlaufproblemen“. So läuft der Digitalunterricht in Hessen.

Lernen am Laptop, Videoübertragung, schneller Austausch von Lernmaterial – so könnte Digitalunterricht aussehen. Doch der Alltag von Katja Groh ist davon weit entfernt. Die 53-Jährige ist Lehrerin an einer Grundschule im Landkreis Kassel. Sie sagt: „Das sogenannte Homeschooling hat mit Unterricht überhaupt nichts zu tun, das ist lediglich aus der Ferne begleitetes Lernen.“

Seit Montag läuft in Hessen der Schulbetrieb. Wegen der Corona-Pandemie hat das Land beschlossen, dass Unterricht im Schulgebäude vorerst weitgehend wegfallen soll. Die Präsenzpflicht für die Jahrgangsstufen 1 bis 6 wurde ausgesetzt. Der Schulbesuch ist aber möglich. Ältere Kinder werden mit Ausnahme von Abschlussklassen grundsätzlich aus der Distanz unterrichtet.

An der Schule von Groh waren zuletzt von 100 Schüler:innen 40 zum Unterricht angemeldet. Am ersten Tag sei mangels Rückmeldung unklar gewesen, wie viele überhaupt kämen. Die zu Hause bleibenden Schüler:innen bekommen laut Groh ihre Aufgaben auf ihre privaten Endgeräte wie Computer und Tablets – von privaten Geräten der Lehrer:innen geschickt. Tragbare Geräte für die Kinder fehlten.

Auch WLAN gebe es im Schulgebäude nicht – Onlineunterricht sei somit unmöglich. „Sogar die Schulleitung muss nach Hause fahren, um an Onlinekonferenzen teilnehmen zu können, weil noch nicht einmal der Schulleitungsrechner für Onlinekonferenzen geeignet ist.“ Die Versorgung mit Telefonen in der Schule sei ähnlich desaströs: „Wenn es gut läuft, können zwei Kolleginnen gleichzeitig von der Schule aus telefonieren – also auch hier ist die Nutzung der privaten Geräte unumgänglich.“

Nicht nur diese Situation mache sie wütend, sagt Groh: „Was längerfristige und praktikable Vorgaben und Unterstützung durch das Kultusministerium angeht, sind wir komplett alleingelassen worden.“ Dass es etwas besser laufe als beim ersten Lockdown, sei den selbst erarbeiteten Lösungen der Schulleitung und des Kolleg:innenteams zu verdanken.

Die Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Birgit Koch, bezeichnet die Situation als „Kuddelmuddel“. Auch Digitalunterricht ab der siebten Klasse funktioniere nicht, weil das hessische Schulportal nicht leistungsfähig und stabil sei. Zudem seien einige Schulen mit technischen Endgeräten ausgestattet, an anderen gebe es gar nichts. Die GEW drängt daher weiter auf einen Wechselunterricht mit Präsenzzeiten für die Schülerinnen und Schüler in der Schule im Wechsel mit Distanzunterricht.

Das Kultusministerium beschreibt die Situation anders: „Die Rückmeldungen waren, dass bis auf kleinere Anlaufprobleme beim Login des Schulportals die Lage an den Schulen sehr gut war“, sagte ein Sprecher. Auch mit der Resonanz auf den Präsenzunterricht sei man zufrieden: 18 Prozent der jüngeren Schüler:innen seien in die Schule gekommen. „Das heißt, die Eltern gehen sehr verantwortungsvoll mit der Situation um.“

Gut sichtbar werden die Unterschiede in der Ausstattung in der Adolf-Reichwein-Schule in Rodenbach im Main-Kinzig-Kreis. Sie ist eine Verbundschule mit mehreren Schulformen unter einem Dach. „Wir haben nun eine Mischung aus recht guter Ausstattung in der Sekundarstufe und schlechter Ausstattung in der Grundschule“, sagt Schulleiter Ulrich Vormwald. Dort gebe es keine WLAN-Übertragung und nur zwei Steckdosen in jedem Klassenraum. In der Sekundarstufe habe man dagegen die Möglichkeit, mit Kameratechnik Übertragungen zu den Schülern nach Hause zu ermöglichen.

In der Anfangsphase der Pandemie habe man viel Unterstützung vom Schulträger, dem Main-Kinzig-Kreis, erhalten. „Beispielsweise bekamen wir für bedürftige Schüler:innen 100 I-Pads, die wir einsetzen können.“ Vormwald sagt über die jetzige Situation: „Natürlich kann man da von Unterricht sprechen. Wir verteilen nicht nur Materialien, sondern setzen auch in Grundschulklassen digitale Kommunikationsmittel ein.“ Das Schulportal ist an der Reichwein-Schule nicht in Betrieb, man prüfe gerade die Einsatzfähigkeit. Und selbst bei der Verfügbarkeit von Technik dauere es, bis man sie im Alltag einsetzen könne. „Das ist wie ein Hindernisrennen, das die Schulen gerade absolvieren.“

In Darmstadt fordert die SPD für dieses Jahr eine „digitale Offensive“, um schneller als von der Stadt geplant, alle Schulen 2020 mit funktionierendem WLAN auszustatten. Nach Angaben von Bürgermeister und Schuldezernent Rafael Reißer (CDU) sollen erst bis Ende 2024 alle Schulen entsprechend versorgt sein.

In Offenbach sind unterdessen 3000 Tablets für die Offenbacher Schulen in dieser Woche verteilt worden. Das teilte Schuldezernent Paul-Gerhard Weiß (FDP) mit. Neben der Lieferverzögerung wegen des hohen Bedarfs in allen Bundesländern habe die Verteilung so lange gedauert, weil die Geräte ungeschützt geliefert worden seien. Die Stadt ließ die Geräte daraufhin extra in Schutzhüllen packen und beklebte sie mit einer Panzerfolie, weil gerade bei Grundschulkindern davon auszugehen sei, dass ein Gerät auch mal auf den Boden falle, so Weiß.

Die Beschaffung der Tablets kostet rund zwei Millionen Euro, die durch ein Ergänzungsprogramm zum Digitalpakt vom Bund und den Ländern übernommen werden.

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