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Zivis haben ausgedient

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Noch liefert Zivi Alexander Hauer Essen  aus, bald könnte  ein Minijobber seine Arbeit  machen.
Noch liefert Zivi Alexander Hauer Essen aus, bald könnte ein Minijobber seine Arbeit machen. © Claus Völker

Dekanat, Rotes Kreuz und ASB wollen keine Ersatzdienstler mehr einstellen. Grund dafür ist die Verkürzung der Wehrpflicht von neun auf sechs Monate. Weil sich der Zivildienst dadurch ebenfalls verkürzt, sehen die Kirche, das Rote Kreuz und die Arbeiter Samariter darin keinen Sinn mehr im Einsatz der jungen Männer.

Die evangelische Kirche gibt in Darmstadt den Zivildienst auf. 36 Jahre hat Rainer Hohenstein die jungen Männer betreut, die in den Gemeinden soziale Hilfe leisteten, anstatt zur Bundeswehr zu gehen. Ende des Jahres ist damit Schluss. Wie Dekan Norbert Mander gestern mitteilte, stellt das Dekanat seinen Sozialen Friedensdienst (SFD) ein und beendet damit die Beschäftigung von Zivildienstleistenden.

Grund ist die Verkürzung der Wehrpflicht von neun auf sechs Monate. Damit müssen auch Zivis nur noch ein halbes Jahr bei Kirchen und Rettungsdiensten, in Jugend- und Krankenhäusern arbeiten. Nicht nur die evangelische Kirche sieht darin keinen Sinn mehr, auch der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und der Arbeiter Samariter Bund (ASB) beenden ihr Engagement. „Der Zivildienst ist ein Auslaufmodell“, sagt Hohenstein. Die soziale Arbeit in Darmstadt werde aber nicht zusammenbrechen, sind sich alle einig.

Ein halbes Jahr ist zu kurz

Rund 600 Zivildienstleistende waren beim SFD seit seiner Gründung 1971 beschäftigt. Sie haben in Kindertagesstätten gearbeitet und älteren Menschen beim Einkaufen geholfen, waren in der Jugendarbeit bei Stadt und Kirchengemeinden. Dabei habe das Dekanat in den jungen Männern nie billige Arbeitskräfte gesehen, sondern sie anleiten wollen, „etwas für den Frieden zu tun“, sagt Hohenstein. Der SFD galt als Modellprojekt.

Die pädagogische Begleitung ist durch die kurze Dienstzeit nicht mehr möglich, sagt der Dekan. Effektiv seien die jungen Männer nur fünf Monate da. Zudem müssten sie eingearbeitet werden. Zwei Zivildienstleistende sind noch beim SFD beschäftigt, die letzten. Früher waren es manchmal 25, die bis zu 20 Monate eingesetzt waren.

Nur wer bis Mitte 2010 einberufen wurde, hat noch eine neunmonatige Dienstzeit vor sich. Dazu zählt Alexander Hauer. Der 20-Jährige bringt für den ASB kranke und alte Menschen zu Ärzten und fährt Essen aus. Er ist einer von 35 Zivis bei der Hilfsorganisation, aber das wird sich ändern. Bei einer Dienstzeit von sechs Monaten seien die Kräfte nicht längerfristig einplanbar, sagt ASB-Geschäftsführer Harald Finsel. Er will auf Zivildienstleistende verzichten, obwohl es einen herben Einschnitt bedeutet. Bislang gelang es dem ASB, aus den Reihen der jungen Männer den eigenen Nachwuchs zu rekrutieren. Diese Chance gibt es bald nicht mehr.

Ähnlich ist die Lage beim DRK. Dort waren vor zehn Jahren noch 30 Zivildienstleistende unter Vertrag, jetzt sind es noch drei – im mobilen Hilfsdienst und im Hausnotruf. „Wegen der ständigen Reduzierung der Dienstzeit haben wir begonnen, uns umzustrukturieren“, sagt der Geschäftsführer soziale Dienste, Jürgen Frohnert. Ende des Jahres werde der Zivildienst beim Darmstädter DRK eingestellt.

Die sozialen Strukturen aufrechtzuerhalten, liegt damit künftig wohl verstärkt in der Hand privater Anbieter. Manche Organisationen setzen auch auf junge Leute, die sich für ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) entscheiden. Im Gegensatz zum Zivildienst ist es aber teurer, weil es dafür kein Geld vom Bund gibt. Eine Option ist es etwa für Thomas- und Paulusgemeinde. Die katholische Jugendzentrale will eine Stelle per FSJ besetzen, kündigt Leiter Michael Lindner an. Auch für DRK und ASB ist das eine Möglichkeit, sie sehen zudem in Minijobs eine Alternative. Im Klinikum hält man bislang an den rund 40 Zivis fest. Nach Angaben von Personalchefin Dagmar-Astrid Wagner gibt es noch keine Überlegungen, wie das Krankenhaus auf die Zeitverkürzung reagieren werde.( rf)

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