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Zahnheilkunde in der vierten Generation

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110 Jahre, vier Generationen, ein Beruf. Bereits über 110 Jahre hinweg praktiziert die Familie Moeser in der Hügelstraße. Nun gibts in der Hausnummer 69 eine neue Praxis.

Es mutet an wie eine Dynastie. Aber bei einer solchen geht es ja um Macht und Herrschaft. Die vier Zahnärzte Moeser, die seit 1904 allesamt in der Hügelstraße praktizierten und noch praktizieren, sorgen dagegen für eine äußerst seltene berufliche Kontinuität über große historische Brüche hinweg. Friedrich Moeser, Ernst Moeser, Peter Moeser und Thomas Moeser – vier Zahnärzte, eine Stadt. Und nicht nur das. Gleichzeitig ein Stadtbezirk (die alte Mollerstadt) und sogar: eine Straße.

110 Jahre, vier Generationen, ein Beruf. Das klingt wie eine komplexe, aber hochattraktive Anweisung für ein Kollektiv von Drehbuchschreibern, die sich für eine 70-teilige Serie im öffentlich-rechtlichen Nachmittagsfernsehen ein paar Grundgedanken machen sollen. Aber, wie so oft: Realität schlägt Fiktion. Die Fakten der Wirklichkeit schreiben die schönsten Geschichten selbst. Thomas Moeser eröffnet gerade seine neue Zahnarztpraxis in der Hügelstraße 69. Vater Peter Moeser (67) zieht noch für ein Jahr den Karren mit an und ist dafür weggezogen aus seiner Praxis an der Ecke Zimmer-/Hügelstraße.

Vom jüngsten Dentistenspross aus gesehen: Urgroßvater Friedrich Moeser begann 1904 seine Praxistätigkeit in der damaligen Hügelstraße 51, prominent gelegen schräg gegenüber dem Neuen Palais. Nach dem Ersten Weltkrieg ging die Arbeit in der Praxis weiter – dann in der Zeit der Weimarer Demokratie.

Praxis durch Bomben zerstört

1933 dann die nächste heftige Zeitenwende: Die Nationalsozialisten übernehmen die Macht. Großvater Werner Moeser startet seine Praxis 1935. Neun Jahre findet man ihn bei der Arbeit in der Nr. 51. Das beschauliche Gebäude fällt, wie fast alle in der Kern- und Innenstadt, der Brand- und Bombennacht vom 11. September zum Opfer.

Sechs Jahre nach dem Krieg zieht Ernst Moeser mit seiner Praxis in einen klassischen 50er-Jahre-Neubau an der Ecke Zimmer- und Hügelstraße. 1974 schließlich übernimmt Peter Moeser den Staffelstab und führt die Zahnarztpraxis weiter. Seitdem ist er 40 Jahre kontinuierlich dabei. Sohn Thomas merkt dazu ironisch an: „Wir zeigen doch wirklich eine gewisse Konstanz im Feinhandwerk.“ So ist es.

Dass auch Sohn Thomas wieder neben dem Behandlungsstuhl Platz nimmt, mutet märchenhaft an. Wurde Druck ausgeübt, gab es Belohnungen für die richtige Berufswahl? „Nein!“, heben die Eltern die Hände und wehren diesen Verdacht rundweg ab. Und Sohn Thomas ebenfalls. „Das kam von ganz alleine“, versichert er. „Mein Bruder wollte zum Beispiel nie Zahnarzt werden. Er studiert noch Psychologie. Und ich selbst, ich würde anderes in der Medizin auch nicht machen wollen.“

140 Quadratmeter reichen

Während Thomas nach dem Studium auch seine Assistenzzeit in Regensburg absolvierte, las Mutter Rita aufmerksam die Zeitung. Letzteres lohnte sich auch in diesem Fall: „Ein Schandfleck verschwindet“, wurde am 23. April 2013 gemeldet. Es ging um den Abriss eines über Jahrzehnte quasi unangetastet gebliebenen Trümmergrundstücks aus dem Zweiten Weltkrieg an der Ecke Hügel-/Saalbaustraße. Die Heim GmbH & Co KG beabsichtige ein Wohn- und Geschäftshaus zu errichten, wurde mitgeteilt.

Das alarmierte Rita Moeser. Zum Jahreswechsel ging sie mit Investor Eike Ebert durch den Rohbau, nahm zusammen mit Mann und Sohn Maß. Die Entscheidung fiel: 140 Quadratmeter reichen. Der Sohn eröffnet darin seine erste Praxis und bezeichnet die neuen Räume als zukunftssicher. „Bei sowas legt man sich ja schon mal für 35 Jahre fest“, sagt er.

Ein Satz, der zeigt: Hier denkt jemand – aus Familienerfahrung – grundoptimistisch und in großen Zeitquanten. Kontinuität eben. (phg)

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