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Leerstand gibt es im Office-Tower an der Rheinstraße.

Darmstadt

Wohnraum statt leerer Büros?

Überdurchschnittlicher Zuzug und Siedlungsbegrenzung bringen die Stadt in Zugzwang. Sollten Büros in Wohnraum umgewandelt werden?

Im Stadtbild fällt auf, dass eine Menge Büroflächen leer stehen. Bietet sich da Potenzial für dringend benötigten neuen Wohnraum? Die Immobilienwirtschaft spricht hingegen von relativ geringen Gewerbe-Leerständen und fordert alternative Lösungsansätze.

Die Werbebanner begegnen einem nahezu überall: „Büroflächen zu vermieten“, steht in großen Lettern am Dugena-Haus in der Rheinstraße. „Ihr Office im Tower“, wirbt ein anderes die Rheinstraße hoch am Office-Tower. An der Kreuzung Berliner Allee und Holzhofallee weisen gleich drei Schilder auf diverse mietbare Gewerbeflächen hin. Und am Steubenplatz prangt seit Monaten an einem großen Neubau: „Moderne Büroflächen zu vermieten.“

Kann sich Darmstadt solche Leerstände leisten? Die Stadt braucht bekanntlich dringend Wohnraum, weil sie seit Jahren einen überdurchschnittlichen Zuzug erlebt – Tendenz weiter steigend. Gleichzeitig sind die Möglichkeiten begrenzt, neue Siedlungsgebiete auszuweisen, weil das etwa im Norden der Fluglärm gesetzlich verbietet. Ist es da nicht verschenktes Potenzial, so viele ungenutzte Büroflächen zu haben? Sollten diese nicht besser in Wohnungen umgewandelt werden?

Stadtplanerisches Konzept vermisst

Jörg Ettmann, Geschäftsführer des Darmstädter Gewerbeimmobilienmaklers „Liebertz Real Estate“, hält zwar den fehlenden Wohnraum für ein „Riesen-Problem“ und die Umwandlung leer stehender Büroflächen für eine gangbare Lösung. Er verweist auf Wohnungsneubauten jüngeren Datums in der Berliner Allee, wo zuvor jahrelang alte Verlagsgebäude leer gestanden haben. Andere Beispiele sind das ehemalige Landratsamt in der Rheinstraße oder das frühere Gebäude des „Hoppenstedt“-Verlags in der Havelstraße, wo nun Studenten wohnen.

Doch grundsätzlich betont Ettmann: „Die Leerstandsquote ist relativ gering.“ 2014 habe sie 3,6 Prozent betragen, was unter dem Bundesdurchschnitt liegt. „Darmstadt ist ein gesunder Markt.“ Gerade in den beiden zurückliegenden Jahren habe sich die Branche über besonders viele Vermietungen freuen können – nämlich pro Jahr 80 000 Quadratmeter statt der sonst üblichen 40 000 bis 50 000 Quadratmeter. Das liege nicht zuletzt an größeren Anmietungen durch Institutionen wie die Technische Universität, die Stadt oder das Land Hessen.

Und ein gewisses Maß an Leerständen brauche es auch, weil auf dem Gewerbe-Immobilienmarkt stets viel in Bewegung sei. Es gründeten sich junge Unternehmen, die schnell wachsen und irgendwann auch räumlich vergrößern müssten. „Das bedeutet, dass wir dann absehbar neue Flächen brauchen“, findet Jörg Ettmann.

Noch mehr allerdings gelte das für Wohnraum. „Da muss man sich echt Gedanken machen.“ Der Immobilienprofi vermisst ein stadtplanerisches Konzept der Kommunalpolitik und findet, dass man bei der Gewinnung von Wohnbaugrund neue Wege gehen sollte. Zu wenig Initiative zeigt die Stadtpolitik auch nach Ansicht von Dirk Baumüller, Vorstandsvorsitzender des gleichnamigen Gewerbe-Immobilienmaklers.

Baumüller kommt zum Beispiel auf den Marienplatz zu sprechen. „Das Grundstück ist jederzeit verkauf- und bebaubar, das liegt nur an der Schlafmützigkeit der Politik.“ Und auch der Mercksplatz wäre „eine Super-Wohnlage“. Doch trotz dieser Potenziale glaubt der Makler nicht daran, dass das von Oberbürgermeister Jochen Partsch ausgegebene Ziel erreicht werden kann, bis 2020 10 000 neue Wohnungen zu bauen: „Das ist nicht machbar, da müsste man schon ins Umland ausweichen.“ (aw)

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