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Winzer in Groß-Umstadt produzieren immer weniger Riesling

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Von: May-Britt Winkler

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Winzer Andres Diehl in seinem Weinkeller in Groß-Umstadt.
Winzer Andres Diehl in seinem Weinkeller in Groß-Umstadt. © May-Britt Winkler

Die Weinlese ist für Andres Diehl aus Groß-Umstadt mit Beginn des Umstädter Winzerfestes fast abgeschlossen. Wie seine Kollegen pflanzt er immer weniger Riesling-Reben an.

Wer im Wein die Wahrheit sucht, kann in Groß-Umstadt fündig werden. Sieben Winzer haben hier inzwischen ihre Weinberge und bieten ihre Weine an diesem Wochenende auch beim 74. Umstädter Winzerfest an. Andres Diehl vom Weingut „Brücke-Ohl“ ist einer von ihnen. Sein Ururgroßvater pflanzte bereits die ersten Reben und gründete das Weingut. Anfangs machte der Wein nur einen kleinen Teil der Arbeit aus: Landwirtschaft und Viehzucht waren das Haupteinkommen. Doch mit der Zeit verabschiedete man sich von Gemüse, Kartoffeln und Tieren und spezialisierte sich auf die Trauben. Inzwischen hat Diehl 20 verschiedene Rebsorten im Angebot.

Traubenlese ist mit Beginn des Umstädter Winzerfestes schon vorbei

Im Sommer trinkt er gern Riesling, im Winter am liebsten Spätburgunder. Rotwein ist seine große Leidenschaft: „Aus ihm kann ich sowohl roten, weißen als auch Roséwein machen. Wenn ich eine rote Traube auspresse, habe ich weißen Saft. Die rote Farbe steckt in der Schale. Die zu gewinnen, das ist die Kunst“, erklärt Diehl. „Und weil es immer wärmer wird, werden wir auch immer mehr Rotweinsorten bekommen.“

Sonnenstrahlen tun der Weinpflanze gut, so lange es nicht zu trocken ist.
Sonnenstrahlen tun der Weinpflanze gut, so lange es nicht zu trocken ist. © May-Britt Winkler

Der Klimawandel macht nämlich auch vor Groß-Umstadt nicht halt, und Andres Diehl muss sich dem schnell anpassen. Die Trockenheit dieses Sommers hat seinen Reben teils ordentlich zugesetzt. Vor allem junge Pflanzen sind eingegangen, es musste großzügig bewässert werden. Der Austrieb findet jedes Jahr früher statt. Zu Anfangszeiten seines Vaters Willi begann die Traubenlese mit dem Winzerfest im September, heute ist sie zur Festeröffnung fast abgeschlossen.

Große Hitze verursacht einen „langweiligen“ Riesling

Auch das Produkt ändert sich mit den Jahren, sagt Diehl: „Wir pflanzen immer weniger Riesling an, denn der lebt von der Säure, die aber bei großer Hitze leicht verloren geht. Dann schmeckt er langweilig. Stattdessen konzentrieren wir uns mehr auf neue Sorten aus dem südeuropäischen Raum, die sich der Wärme besser angepasst haben.“ Der Riesling ist also vom Aussterben bedroht, wandert zumindest immer weiter gen Norden, und die Weinliebhaber:innen möchten da am liebsten den Keller vorher noch vollbunkern.

Doch bei Weiß- und Roséwein ist das gar keine so gute Idee. Ein Weißer sollte nicht älter als sechs Jahre sein, ein Rosé nicht älter als eines. Manch alternder Mensch blickt dagegen voll des Neides auf den Rotwein, denn bei dem gilt: Je älter, desto besser. Natürlich nur, wenn er richtig gelagert wird. „Am besten liegen Rotweine in einer dunklen, feuchten Ecke. Oder man bindet eine Schnur dran und versenkt sie im Teich, denn da unten gibt es keinen Sauerstoff und immer gleichbleibende Temperaturen. In der Titanic ruhen vermutlich die besten Rotweine.“

Programm des Winzerfestes

Das 74. Umstädter Winzerfest dauert noch bis Montag, 19. September.

Am heutigen Samstag lädt die evangelische Stadtkirche um 14 Uhr zum Kinderwinzerfest. Zeitgleich findet ein bunter Nachmittag auf der Marktplatz-Bühne statt. Um 19.30 Uhr werden die neuen Weinhoheiten gekrönt.

Am morgigen Sonntag um 13.30 Uhr schlängelt sich ein großer Festzug durch die Gassen von Groß-Umstadt. Von 16 bis 24 Uhr gibt es außerdem Musik auf verschiedenen Bühnen.

Am Montag beginnt das Musikprogramm des Winzerfestes bereits um 12 Uhr. Um 22 Uhr ist statt eines Feuerwerks eine Licht- und Lasershow auf dem Marktplatz vorgesehen.

Sieben einheimische Winzer bieten auf dem Traditionsfest ihre Weine an: Weingut Brücke-Ohl GbR, Weinbau Lars Anders, Weinbau Schäfer, Weingut Lohmühle, Weingut Collatz, Weinanbau Emmerich sowie Origo puritor-Weinbau. Auch die Winzergenossenschaft Vinum Autmundis ist vor Ort mit einem Stand vertreten. mbw

Aber in Diehls Keller liegen auch ein paar sehr gute Flaschen. Durchschnittlich 70 000 pro Jahr stellt der Winzer mit seiner Familie und seinen Angestellten her. Das läuft heutzutage erfreulicherweise viel moderner ab als in der Vergangenheit. Etwa 8000 Jahre lang wurden die Trauben nämlich mit den Füßen gekeltert und so der Saft extrahiert. Da steigt beim Einen oder Anderen ein wenig Ekel auf, aber keine Sorge: „Käse“ gibt es heutzutage nur zum Wein und nicht darin.

Schädlinge, Hitze, Dürre, Starkregen und Hagel sind die Feinde der Winzer

„Die Trauben werden mit Schale und Kernen in die Bottiche gelesen, vorher angequetscht, so dass der Saft austritt und dreimal am Tag maschinell gestampft“, erklärt der Winzer. Dadurch lösen sich die Farbe aus der Schale und die Gerbstoffe aus den Kernen, und der Wein gärt. Ein Rotwein kommt dann in ein Holzfass und bleibt dort zwei bis drei Jahre liegen, bevor er mit Korken in eine Flasche gefüllt wird.

Riecht die neue Ernte auch nach Wein? Diehl braucht eine feine Nase.
Riecht die neue Ernte auch nach Wein? Andres Diehl braucht eine feine Nase. © May-Britt Winkler

Bis es so weit ist, kann jedoch viel passieren. Jedes Jahr, jeden Tag. „2014 hatten wir die Kirschessigfliege, einen Schädling aus China. Die legt ihre Eier eigentlich in Kirschen, aber als die weg waren, ging sie an die roten Trauben“, berichtet Diehl. „Ein Jahr hatten wir viele Marienkäfer. Die waren dann mit im Wein und haben einen eigenen Geschmack abgegeben.“ Der Marienkäferjahrgang brachte also auch kein Glück. Außerdem kann Starkregen die Hänge abschwemmen sowie Sturm und Hagel neben Hitze und Dürre die Reben zerstören. „Ich bin immer froh, wenn alle Trauben bei mir im Keller sind.“

Gelassenheit gehört also dazu, wenn man Winzer sein will. Und natürlich die Liebe zum Wein: „Ich baue am liebsten Sorten an, die ich selbst gern mag“, so Diehl. „Wenn sie kein Anderer will, dann kann ich sie wenigstens selbst noch trinken.“

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