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Wettbewerb im Kehren

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Die Konkurrenz kommt aus dem europäischen Ausland und der Schweiz.
Die Konkurrenz kommt aus dem europäischen Ausland und der Schweiz. © Roman Grösser

Nach einer neuen Regelung der Europäischen Union dürfen Hausbesitzer sich einen Schornsteinfeger aussuchen.

Es rummst und klappert. Der Kamin des Mietshauses mit acht Parteien in der Pankratiusstraße im Martinsviertel wird von dem Kaminfegermeister Hartmut Hauser gesäubert. Was aussieht wie ein ganz normaler Kehreinsatz, ist hessenweit einmalig und auch für Hausbesitzer Gerald Schleidt etwas Besonderes: "Das ist das erste Mal, dass ich nicht den Bezirksschornsteinfeger auf dem Dach habe, sondern frei wählen konnte."

Hauser kommt aus der Schweiz. In Stein am Rhein hat er ein eigenes Geschäft. Dass er in Darmstadt arbeiten kann, hat mit der Aufhebung des Schornsteinfeger-Monopols durch die Europäische Union (EU) zu tun. Jeder Schornsteinfeger-Betrieb aus der EU kann seit Anfang des Jahres Dienstleistungen in Deutschland erbringen. Hausbesitzer wie Gerald Schleidt können ihren Schornsteinfeger damit frei wählen. "Ich kann einen Termin ausmachen, mit wem und wann ich möchte und ich zahle zehn bis 30 Prozent weniger."

Auf den Markt vorbereiten

Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Es gibt zwei Einschränkungen: Die Übergangsregelung erlaubt den Einsatz von EU-Kaminfegern nur dann, wenn es um das Kehren und Überprüfen von Anlagen geht. Aufgaben wie Bauabnahmen oder die Feuerstättenschau sind weiterhin Sache der Bezirksschornsteinfeger. Außerdem dürfen deutsche Kaminkehrer erst ab 2013 den Hausbesitzern in anderen EU-Ländern aufs Dach steigen.

"Das ist ein bisschen diskriminierend", sagt Bezirkschorn-steinfeger Harry Kieper vom Hessischen Innungsverband. Die Übergangsregelung sei geschaffen worden, damit sich die Bezirksschornsteinfeger auf den freien Markt vorbereiten können. "Die ganz große Freiheit gibt es derzeit also noch nicht", sagt Kieper. Zu den Vorgaben, die die EU-Kaminkehrer erfüllen müssen, bevor sie in Deutschland arbeiten können, gehört, dass sie in einem EU-Land oder in der Schweiz gewerblich niedergelassen sind.

Doch es gibt bereits Hintertürchen: Schätzungsweise 100 deutsche Kaminkehrer sind bei EU-Firmen angestellt, die auch eine Zulassung für Deutschland besitzen. Den Einsatz des Schweizer Fegers im Martinsviertel hat Martin Frei engagiert. Der Geschäftsführer der Freie Schornsteinfeger-GmbH in Sigmaringen vermittelt deutsche Schornsteinfeger an Betriebe in der EU und er vermittelt deutschen Hausbesitzern Schornsteinfeger aus Österreich, Schweiz und Frankreich.

Die Resonanz der Bürger ist riesig, sagt Frei. Bis zu 400 E-Mails bekomme er derzeit im Schnitt pro Tag. Frei hilft seinen Kunden auch bei den Formalitäten, etwa der Beantragung des Feuerstättenbescheids beim Bezirksschornsteinfeger.

Willkürliches Vorgehen

Frei bietet seinen Kunden einen Kostenabschlag von zehn bis 30 Prozent und eine individuelle Terminabsprache. Hausbesitzer wie Gerald Schleidt begrüßen die neue Wettbewerbssituation. Er hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder mit seinem Bezirkschornsteinfeger gestritten und ihm sogar ein Hausverbot erteilt, weil er dessen Vorgehen für willkürlich hielt.

Auch der Darmstädter Wolf-Dieter Loos hat sich viele Jahre über seinen Bezirkschornsteinfeger geärgert. "1996 ging es los, dann schaukelte sich die Auseinandersetzung über Jahre hinweg auf", erzählt er. Kein Schornsteinfeger komme seitdem mehr zu ihm ins Haus, ohne dass er einen Zeugen mit dazuholt - auch bei ihm zu Hause wird der Schweizer Kaminfeger deshalb noch aufs Dach steigen.

Frei kennt viele solcher Geschichten. "Das sind keine Einzelfälle, sondern ein bundesweites Phänomen", so seine Erfahrung. Wer sich von ihm Kaminkehrer aus dem EU-Ausland vermitteln lasse, der "wolle sich nicht mehr bevormunden lassen und seinen Schornsteinfeger endlich selbst aussuchen". Harry Kieper von der Schornsteinfeger-Innung ist hingegen ganz gelassen: "Wir werden uns dem Wettbewerb stellen." (hin)

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