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Westerngefühle im Vogelrevier

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Der Schmutzgeier ist gar nicht so schmutzig. Seinen Namen hat er wohl von seiner Vorliebe für Müllkippen.
Der Schmutzgeier ist gar nicht so schmutzig. Seinen Namen hat er wohl von seiner Vorliebe für Müllkippen. © André Hirtz

Schmutzgeier sind die Punks unter den Habichtartigen / Im Vivarium leben drei davon.

Wo Geier am Himmel kreisen, lauert der Tod: So ist es in vielen Westernfilmen. Im Darmstädter Vivarium sitzen sie in ihrem sechs Meter hohen Außengehege nebeneinander und wärmen sich in der Sonne. Vom Tod keine Spur. Es ist ja auch keine Fressenszeit. Dann nämlich stürzen sie sich auf tote Ratten, Kaninchen, Küken und Mäuse. Je nachdem, was ihre Pfleger ihnen dreimal die Woche so vorsetzen.

Alle Geierarten leben von Aas. Man nennt sie deshalb auch die Gesundheitspolizei. In Europa leben vier Arten: Der kleinste von ihnen ist der Schmutzgeier (Neophron percnopterus), er gilt weltweit als gefährdet. In Indien, Pakistan und Nepal sind viele Tiere qualvoll an Nierenversagen verendet, weil sie von toten Weidetieren gefressen hatten, die von den Nutztierhaltern mit dem schmerz- und entzündungshemmenden Medikament „Diclofenac“ behandelt wurden. Ihren Namen haben die Schmutzgeier nicht etwa deshalb, weil sie ihr Gefieder verlottern lassen, sondern vermutlich daher, dass sie auf Nahrungssuche häufig Müllkippen besuchen – und sogar Menschenkot fressen, wenn es sein muss. „Das sind richtige Schweine“, sagt einer der Tierpfleger.

Man könnte auch Super-Verwerter sagen. Das klingt charmanter. Ihre Nester stopfen sie mit allerlei Fundsachen aus, von Knochen über Papierschnipsel und Kunststoffteile bis hin zu verfaulten Nahrungsresten. Gut, dass die Vögel robust sind. Sie haben eine starke Magensäure, die sogar kleine Knochen zersetzt.

Im Vivarium teilen sich zwei Weibchen und ein Männchen das Gehege mit den etwa doppelt so großen Gänsegeiern. Die Tiere meiden die Nähe von Menschen. Es gibt bei den Schmutzgeiern allerdings eine Ausnahme: der 1994 aus dem Ei geschlüpfte Heinz-Rudolf. Den Namen bekam er von seinem Pfleger, der ihn von Hand aufzog. Da sich das Geschlecht nur mit Hilfe von DNA-Analysen zuverlässig bestimmen lässt, merkte dieser erst einige Zeit später, dass es sich bei Heinz-Rudolf um ein Weibchen handelt. Der Name ist geblieben.

Weibchen Heinz-Rudolf will sich nicht paaren

Angst vor Menschen hat sie nicht. Als Tierpflegerin Mandy Hußmann Heinz-Rudolf mit einem Ei lockt, damit der Fotograf das Tier besser vor die Linse bekommt, fliegt sie sofort vom Hochsitz herunter. Handaufzuchten versucht man heute in Zoos zu vermeiden. Die zahmen Tiere gelten als verhaltensgestört. Fehlgeprägt nennen das Biologen. Im Falle von Heinz-Rudolf heißt das, dass der Nachwuchs ausbleibt, weil die Schmutzgeier-Dame sich nicht paaren will.

Schmutzgeier sind mindestens so schlau wie Elstern oder Krähen. Sie nehmen beispielsweise Steine in den Schnabel, um sie auf Straußeneier fallen zu lassen, damit sie an den Dotter kommen. „Das Verhalten ist angeboren“, sagt Mandy Hußmann.

Besucher, die sich etwas Zeit nehmen, können auch beobachten, wie die kleinen Schmutzgeier fliegen. Dies geschieht nicht allzu oft. „In der Natur sitzen sie auch oft herum“, sagt die Pflegerin. Oft sei das Futter knapp, da müssten Ressourcen geschont werden. Geier versuchen deshalb, wie andere Wildtiere auch, möglichst wenig Energie zu verbrauchen. Sie nutzen die Thermik aus und schrauben sich hoch, um nach Aas Ausschau zu halten. (hin)

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