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Wenn Schweine husten

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Dichtes Gedränge herrscht im Stall.
Dichtes Gedränge herrscht im Stall. © Claus Völker

Amtstierärzte prüfen, ob Landwirte ihre Tiere richtig halten. Doch die Kontrolle hat Grenzen: Wegen Personalmangels können die Kontrolleure höchstens einmal im Jahr in jedem Betrieb nach dem Rechten sehen - und das meist nur mit Voranmeldung.

Oben: vier Neonröhren und ein Rohrsystem, das automatisch Futter und Wasser einleitet. Unten: ein Betonboden mit Schlitzen, durch die Mist und Urin fallen. Dazwischen: hundert Schweine, je 25 pro Parzelle. Sie wuseln hektisch umher, als der kleine Besuchstrupp den Stall betritt.

Scheppernd prallen ihre Körper an begrenzendes Holz und Metall, als sie aufgeregt versuchen, in der Enge auseinanderzulaufen. Tierhaltungsromantik sieht anders aus. Das ist Schweinemäster Hartwig Jourdan bewusst. „Des is Massentierhaltung“, sagt der Wixhäuser Landwirt. „Des is überall gleich.“ Wie viel Platz die Tiere hier haben? „Weiß ich nicht genau, entspricht aber auf jeden Fall den Vorschriften.“ Und die verlangten 0,7 Quadratmeter bis zu einem Körpergewicht von 110 Kilogramm.

Besuch wird angekündigt

„Das Stallklima ist so weit in Ordnung“, befindet Amtstierärztin Karin Jung. „Da habe ich schon anderes erlebt.“ Manchmal sei der Ammoniakgestank so stark, dass Menschen wie Tiere husten müssten. Hier hustet kein Schwein. Und auch sonst machen die Tiere einen recht guten Eindruck auf die Leiterin des städtischen Veterinäramts. In Sachen Hygiene und Tierschutz sei soweit alles in Ordnung. Nur eins stört sie: Es fehlt das „Beschäftigungsmaterial“. Soll heißen: „Es muss denen was angeboten werden, dass sie sich gegenseitig nicht anknabbern.“

Beanstandet hat sie das bereits im Juli während des vorigen Besuchs bei Jourdan und seinen 400 Schweinen, einem von geschätzt 15 Landwirtschaftsbetrieben in Darmstadt. Doch die Sache mit dem Beschäftigungsmaterial ist offenbar nicht einfach.

Der 44-jährige Bauer hat es mit Gummibällen versucht, doch deren Überreste haben die Güllepumpe verstopft. Nun hat er zumindest zwei Ställe mit Holzklötzen ausgestattet, die an einer Kette über den Schweinen baumeln – allerdings teils viel zu hoch. Karin Jung lässt Kulanz walten. Sie weiß, dass es Landwirte nicht leicht haben – gerade dieser Tage, wo mal wieder ein Skandal durchs Land tobt.

Dioxin im Futter, Dioxin im Fleisch. „Des is ’ne Katastrophe“, raunt Hartwig Jourdan. 1,48 Euro habe er vor Weihnachten pro Kilo für die Schweine bekommen, jetzt sei der Preis gesunken auf 1,12 Euro. Dass seine Schweine belastetes Futter fressen, hält er für ausgeschlossen. „Wir können nicht betroffen sein, weil das Dioxin ausschließlich aus Fetten stammt.“ Und das bekämen seine Schweine nicht. Sein Futterpulver bestünde zu 80 Prozent aus Getreide, das er selbst anbaut. Hinzu komme Soja, eine Mineralstoffmischung sowie synthetisch hergestellte Aminosäuren.

Aber kann er sicher gehen, dass die Ware unbelastet ist? „Sie können keine lückenlose Kontrolle machen“, betont der Landwirt. Das kann Karin Jung nur bestätigen. „Das Problem ist, dass das Personal sehr ausgedünnt wurde.“ In ihrem Amt stünden aktuell außer ihr selbst noch eine Tiergesundheitsaufseherin, drei Lebensmittelkontrolleure und ein Auszubildender zur Verfügung. Das sei sehr wenig angesichts der allein 2000 Lebensmittelbetriebe, die es zu überprüfen gebe.

Und die Überwachung der Nutztierhalter kommt da noch hinzu. „Aufgrund unseres Personenbestandes höchstens einmal im Jahr“, erläutert Jung. Und das, wie bei Jourdan, mit Vorwarnung. „Das ist natürlich der Nachteil“, räumt die Amtstierärztin ein. „Besser wäre, wenn man unangemeldet in den Betrieb gehen würde.“

In Hartwig Jourdans Schweinestall fällt die Bilanz nach dem etwa einstündigen Rundgang zufriedenstellend aus. Die Tiere sähen gut aus, sagt Karin Jung.

Was wird vom Dioxin-Skandal bleiben? „Nix“, sagt der Landwirt.

Die Zeit sei schnelllebig, und es gebe so viele Skandale. „Die Menschen vergessen das und der Verbrauch geht wieder hoch“, sagt Jourdan. „Die Masse will eben billig essen.“ Schärfere Vorschriften ändern wenig, meint Karin Jung: „Solange nicht mehr Kontrollpersonal eingestellt wird, geht das ins Leere.“ (aw)

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