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Wenn Blumen erzählen

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Wohnhaus und Garten in der Schumannstraße 11 bilden eine bewusst komponierte Einheit.
Wohnhaus und Garten in der Schumannstraße 11 bilden eine bewusst komponierte Einheit. © claus völker

Ungewöhnliche Gärten: Im Atelierhaus Vahle erinnert viel ans ehemalige Künstlerpaar Inge und Fritz Vahle.

Wer einen Garten übernimmt, lernt dessen Vorbesitzer durch die Blume kennen. Hier wachsen die Pflanzen, die seine ästhetischen Ansprüche erfüllten, dort die Tomaten, die er gern aß, es zeigen sich klare Linien oder verspielte Arrangements. Manchmal entdeckt man noch Jahre später Unvermutetes unter wucherndem Efeu: einen besonderen Stein oder ein Hamstergrab.

Christiane Klein ist Galeristin im einstigen Atelier- und Wohnhaus von Inge (1915 bis 1989) und Fritz (1913 bis 1991) Vahle. Die Leiterin des Fördervereins Atelierhaus bearbeitet seit 1992 den Nachlass des Künstlerehepaars. Dazu gehört auch der für die 60er Jahre typische Garten, ein Erholungsraum ohne erkennbare künstlerische Gestaltungsansprüche. „Eine Gartennärrin war Inge Vahle nicht“, stellt die promovierte Kunsthistorikerin fest. Das haben ihr die Spuren der Vorgängerin verraten. Dabei hat die Textilkünstlerin Vahle auf ihrem Besitztum im Komponistenviertel so manchen Sommer verbracht und ihr grünes Refugium sicher genossen.

Christiane Klein wusste Hinterlassenschaften wie Steinstelen, Elchgeweih, Glasgusssteine oder Vogelhäuschen in Einklang zu bringen. Sorgfältig pflegt sie die alte Weinpresse, an der Terrasse dient sie als aparter Raumteiler. Der Garten und das 1960 gebaute Haus, ein Ensemble aus Backstein, Beton und Holz, sind aufeinander abgestimmt. Um Besucher für die kompositorische Einheit zu sensibilisieren, lotst Klein sie als erstes ins Wohnzimmer. Die breite, unterteilte Fensterfront bildet den perfekten Rahmen für die nach Tages- und Jahreszeiten wechselnden Außenbilder. Die anmutigsten bieten die Frühlingsmonate, dann wirke die Blütenpracht wie ein Biedermeierensemble, schwärmt Galeristin Klein.

Von ihrem Lieblingsplatz auf der Terrasse erschließt sich der rechteckige Garten in seiner ganzen Ausdehnung mit Stauden- und Heckeninseln zwischen Rasenflächen und Stelen. Wie in die grüne Umgebung hineingetupft wirken Blumen und Blüten in violett, weiß, gelb, rot und rosa.

Ab der Gartengrenze geht es ordentlich in die Höhe. Seidenkiefern, die sich durch besonders lange, feine Nadeln auszeichnen, blicken wie neugierige Riesen auf das abgeschirmte Grundstück hinter dem Wohnhaus. „Bei Wind bewegen sich die Nadeln ganz geschmeidig“, schwärmt Klein. Den wilden Kirschbaum nennt sie „einen schönen Bezug zum Odenwald“, die Kombination Olivenbaum und Geranien erinnert sie an die Kanarischen Inseln.

Christiane Klein ist mit Gärten aufgewachsen, nennt sich „gartensozialisiert“. Die Erinnerung an den Nutzgarten ihrer Großeltern weckt in ihr ein Kindheitssommergefühl. Sie kann die butterweichen Brechbohnen, Stachelbeeren und frischen Haselnüsse fast schmecken. Im Garten der Vahles überlässt sie vieles sich selbst. Manche Pflanzen wollen einfach nicht gedeihen, das nimmt sie kampflos hin: „Man kann am Gras nicht zupfen, damit es wächst.“ Ihre Rosen verwöhnt sie mit Kaffeeresten und Kaffeesatz. Manchmal bringt sie ihnen auch – purer Luxus – Pferdeäpfel vom Hofgut Oberfeld mit.

Mit vorurteilslosem Blick erkennt Christiane Klein, welch' schöne Blätter die Brennnessel hat und lässt sie wachsen. Auch ein bis zwei Disteln, „königliche Gewächse“, dürfen sich ausbreiten und zwei Meter groß werden. Klein setzt sich nicht unter Perfektionsdruck. Vor ihr muss kein Grashalm stramm stehen. Der Garten ist für die Galeristin eine grüne Zuflucht, die ihr die Sicherheit und Entspannung schenkt. „Garten und Natur sind ein Stück Himmel auf Erden, zum Staunen, Erholen und sich Freuen.“ ( pyp)

Infos zum Atelierhaus in der Schumannstraße 11 stehen im Netz auf www.atelierhaus-vahle.de

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