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Welle der Hilfsbereitschaft

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Freuen sich über die Räder: Leyli Misir (2.v.l.) mit ihren Kindern Cemal und Liyana. Karl-Heinz Prochaska betreut sie.
Freuen sich über die Räder: Leyli Misir (2.v.l.) mit ihren Kindern Cemal und Liyana. Karl-Heinz Prochaska betreut sie. © Melanie Schweinfurth

Die Aktion „Fahrräder für Flüchtlinge“ ist ein voller Erfolg.

Als Cemal die Groß-Umstädter Jungs entdeckt, die auf dem Mountainbike-Parcours mit ihren Fahrrädern Sprünge und Figuren üben, ist es, als würde ein schwerer Mantel von den Schultern des Zehnjährigen genommen. Die Haltung des stillen Jungen wird aufrechter, in seinen Augen erscheint ein Leuchten. War er den Erwachsenen gegenüber eben noch unsicher, so nickt Cemal nun fröhlich, als Friedbert Metz ihn fragt, ob er sich ein Fahrrad aussuchen wolle.

Metz ist Lehrer an der Ernst-Reuter-Schule und betreut zudem die „Bike School“, ein Projekt, das von Merck und anderen Sponsoren finanziert wird. An einem Nachmittag pro Woche treffen sich in der Bike School etwa 20 Schüler, warten und reparieren Fahrräder in der eigens für das Projekt eingerichteten Werkstatt. In diesen Tagen beginnt auch für die jungen Mountainbiker die Outdoor-Saison auf dem Parcours, den sie auf dem Schulgelände errichtet haben.

In den vergangenen Wochen haben sie neben ihren eigenen Bikes eine Vielzahl gebrauchter Fahrräder instand gesetzt. Denn nach einem Spendenaufruf des örtlichen Fahrradhändlers Horst Sauerwein in Kooperation mit der Groß-Umstädter Bürgerstiftung wurden in der Bike School Dutzende Zweiräder abgegeben. Die Fahrräder werden in der Werkstatt hergerichtet und an die in Groß-Umstadt lebenden Asylbewerber weitergegeben.

Keller mit Spenden überfüllt

Cemal und seine Schwester Liyana (9) sind die ersten Flüchtlingskinder, die sich ein Fahrrad aussuchen dürfen. „Uns hat eine Welle der Hilfsbereitschaft überrollt“, sagt Sauerwein, während er die Höhe der Fahrradsättel den Kindern anpasst. Die Spendenaktion „Fahrräder für Flüchtlinge“ sei so gut angelaufen, dass die Initiatoren sie schon nach drei Wochen vorläufig wieder beenden mussten.

„In unseren Keller passt kein einziges Rad mehr“, sagt Lehrer Friedbert Metz. Auch die Werkstatt sei zurzeit ausgebucht. Bevor dort weitere Fahrräder hergerichtet werden können, muss der erste Schwung an die Asylbewerber verteilt werden.

An diesem Nachmittag sind Leyli Misir und ihre Kinder Cemal und Liyana aus Wiebelsbach gekommen, um sich Fahrräder auszusuchen. Begleitet werden sie von Ortsvorsteher Karl-Heinz Prochaska, der die dreiköpfige Flüchtlingsfamilie aus dem Grenzgebiet zwischen Dagestan und Tschetschenien betreut. Misir und ihre Kinder mussten wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer religiösen Minderheit – den Jesiden – ihren Heimatort verlassen. Seit einem halben Jahr leben sie in Wiebelsbach.

„Als sie hier ankamen, besaßen sie nichts außer den Kleidern, die sie trugen“, erzählt Prochaska. Kurzerhand rief der Ortsvorsteher zur Spendenaktion auf, organisierte Kleidung, Bettwäsche, Hygieneartikel und Möbel. Die Geschwister gehen inzwischen in die Grundschule in Wiebelsbach, können auch schon ein wenig Deutsch und haben erste Kontakte mit Gleichaltrigen geknüpft.

Dass der Spendenaufruf so viel Anklang fand, findet Prochaska erfreulich, aber nicht allzu überraschend. Die ehrenamtliche Unterstützung der Flüchtlinge funktioniere in Groß-Umstadt bestens. Dass sich auch Geschäftsleute engagieren, gebe den vielfältigen Aktionen einen weiteren Schub.

„Fahrräder sind für die Asylbewerber ein wichtiges Utensil. Sie bedeuten auch mehr Mobilität, ein kleines Stück Freiheit“, sagt Horst Sauerwein. Für Liyana hat er neben einem pinkfarbenen Mädchenfahrrad noch einen Tretroller ausgesucht. „Zum Üben“, wie Prochaska schmunzelnd erklärt. „Das Fahrradfahren muss sie noch lernen.“ (eda)

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