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Von Wasserweck bis Sahnetorte

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Wirtschaftswunder-Chic: Café Bormuth 1956 mit Terrasse.
Wirtschaftswunder-Chic: Café Bormuth 1956 mit Terrasse. © Bormuth

Vor 100 Jahren eröffnete die Familie Bormuth ihre erste Bäckerei am Darmstädter Marktplatz. Manche der heute verwendeten Rezepte stammen noch aus jener Zeit.

Es ist viel los um die Mittagszeit bei Bormuth am Markplatz. Dort, im Stammhaus, sitzt man entweder im Freien oder im Café im ersten Stock. Zwei Stockwerke darüber gab es früher eine Personaletage: Acht Zimmer standen den angehenden Verkäuferinnen zur Verfügung, Kost und Logis waren frei.

Die Zahl der Damen, die nun hinter Bormuths Theken stehen, liegt bei etwa 80, was sich Firmengründer Philip Bormuth 1913 wohl kaum hätte vorstellen können. Einiges allerdings ist unverändert. „Wir backen nach Rezepten, die zum Teil 100 Jahre alt sind“, sagt Nicole Baumüller, die in vierter Generation mit Cousin Matthias das Familienunternehmen leitet. Jeden Morgen gegen 5.30 Uhr schaut Matthias Bormuth in der Backstube vorbei. „Ich will sehen, was in der Nacht produziert wurde.“ Dann allerdings ist ein Großteil der Produkte schon unterwegs zu den Filialen. Zu besprechen gibt es immer etwas: Mal muss entschieden werden, ob ein Produkt in den Verkauf kann oder nicht, mal wird ein neues Rezept besprochen.

Während Marie Bormuth vor 100 Jahren in der ersten Bäckerei in der Kahlertstraße drei Sorten Brötchen, zwei Sorten Mischbrot, Hefekuchen, Rosinenweck, Dampfnudeln und Zwieback verkaufte, umfasst das Angebot heute rund 100 Artikel: 30 Sorten Brot, 15 Brötchensorten, 25 bis 30 Gebäcksorten, Kuchen, Torten, Pralinen und Snacks.

Über 100 Artikel im Sortiment

Vier Bormuth-Generationen haben das Handwerk gelernt und das Angebot stetig ausgebaut. Dabei hat sich auch die Art und Weise der Distribution verändert: Philipp Bormuth, Enkel des Firmengründers und Geschäftsführer bis 2004, erzählt, dass er nach dem Krieg als Vierzehnjähriger das Brot mit dem Rad ausgefahren hat. „Bei Wind und Wetter.“ Gerne erinnern sich Philipp Bormuth, Ehefrau Inge und Schwester Marion Artmann an die Zeit, als die Produktion von der Kahlerstraße in die Innenstadt verlegt und das Café in der Passage eröffnete wurde. Ab 1956 konnte man in diesem neu erschlossenen Stück Innenstadt auch auf der Terrasse „konditoren“. Fein herausgeputzt wurden da gerne zwei oder drei Stück Kuchen verputzt. „Heute undenkbar“, sagt Marion Artmann, die seit 1963 mitarbeitet. „Schon wegen der Figur.“

Die größte Auswahl gibt es im Stammhaus. An einem Marktstand hatten sich vor mehr als 100 Jahren auch Philipp Bormuth und seine spätere Frau Marie kennengelernt, die in einem Haushalt in Stellung war. Als die beiden die erste Bäckerei in der Kahlertstraße 49 eröffneten – dort waren zuvor zwei Kollegen Konkurs gegangen – stand Philipp in der Backstube und Marie an der Theke.

Die Bäckerei hatte bald einen guten Ruf. Als Philipp 1938 früh verstarb, übernahm Marie den Betrieb, bis Sohn Theo die Meisterprüfung abgelegt hatte. Auch er war begeisterter Bäcker und vor allem talentierter Konditor. Dies hatte seinen Vater zu Lebzeiten erzürnt, da er die kunstvollen Marzipankreationen seines Sohnes als Spielerei ansah. Also modellierte dieser heimlich Leckereien aus Marzipan; und wenn er den Kunden Brot lieferte, bot er auch seine Süßwaren an. Theo bekam später sogar einmal Post von Ludwig von Hessen und bei Rhein. Für eine Jagdgesellschaft hatte er einen Wildschweinhauer mit Marzipandekoration geliefert. Dies gefiel dem Herzog von Edinburgh so gut, dass er um ein Exemplar für die Königin von England bat.

Heute wird das Sortiment regelmäßig verändert. Was bleibt, sind Klassiker wie der Wasserweck oder das Vesperbrot. Was auch bleibt, ist der Respekt der Bormuths vor den Bäckern, die um 0.30 Uhr ihr Tagewerk beginnen, vor den Verkäuferinnen, den geschickten Konditoren, den Fahrern. Wer erst mal in dem Familienunternehmen angefangen hat, bleibt meist dabei. (an.)

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