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Warmer Kuss in kalten Zeiten

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Régis Bossu wählte zur richtigen Zeit die richtige Linse.
Régis Bossu wählte zur richtigen Zeit die richtige Linse. © Claus Völker

Vor 30 Jahren gelang dem Fotograf Régis Bossu die berühmte Bruderkuss-Aufnahme.

Dem Fotografen Régis Bossu (65) aus Frankreich mit Wohnsitz in Griesheim gelang vor 30 Jahren ein Schnappschuss, der zu den Foto-Ikonen der Neuzeit zählt. Fast jeder kennt das Bild vom grotesken oralen Körperkontakt der beiden alten Männer Erich Honecker und Leonid Breschnew. Die Parteichefs von SED und KPdSU stürzen sich aufeinander, als wenn sie gerade in heftiger Liebe entbrannt wären. Aber nur Insider kennen Régis Bossu, den Mann hinter der Kamera, der diesen goldenen, nur Bruchteile einer Sekunde dauernden Augenblick verewigt hat.

Die bizarre Freundschaftsbezeugung machte als Motiv namens Bruderkuss Karriere - in Magazinen, als Poster, Postkarte, T-Shirt-Aufdruck und als Kunstwerk auf dem 1,3 Kilometer langen Stück Mauer an der Mühlenstraße in Berlin, der East Side Gallery. Das Foto ist Teil der Geschichte Berlins geworden und war auch während der Mauerfall-Feier am Montag zu sehen.

Mitte der 70er Jahre hatte Bossu, damals noch bei der amerikanischen Zeitung Stars and Stripes in Griesheim beschäftigt, Fotos auch in lokalen Zeitungen veröffentlicht, meist Schmuckbilder. Das Treffen Honecker-Breschnew hat er vor 30 Jahren für die französische Agentur Sygma in Ost-Berlin fotografiert. Er war einer von vielen Berufsfotografen, die sich im Schloss Niederschönhausen um die beiden Politiker drängten, erwischte aber nur einen hinteren Platz. Als sich die Lippen der alten Männer berührten, fing er die Szene mit seinem Teleobjektiv ein. Bossu sagt heute in der ihm eigenen Bescheidenheit: "Ich hatte Glück. Es war der richtige Moment, und ich hatte die richtige Linse."

Die von Bossu hoch geschätzte Fotografin Barbara Klemm stand viel weiter vorne. Auch ihr gelang eine Bruderkuss-Aufnahme, aber Bossu hatte das bessere Bild im Kasten. Es wurde vom Magazin Paris Match auserwählt und trat seinen Siegeszug durch die Illustrierten an. Kurz danach druckte es auch die Titanic.

Auch zu Werbezwecken wurde das Bild schon missbraucht. Eine Telekommunikationsfirma ließ das leicht verfremdete Motiv auf Großplakate drucken. Bei einem Prozess konnte Bossu seine Urheberschaft nachweisen, es kam zu einem Vergleich.

Aus seiner fotografischen Schatztruhe zaubert er noch weitere Kuss-Bilder hervor. Das Lippentreffen Breschnew-Honecker gibt es in Schwarz-Weiß (Breschnew ohne Brille) und in Farbe (mit Brille). Denn in den sozialistischen Zeiten wurden bei vielen Gelegenheiten Lippenbekenntnisse der Freundschaft abgelegt.

Zehn Jahre später, 1989, hat Bossu bei einer Zusammenkunft von Honecker und Gorbatschow ein weiteres Kuss-Foto aufgenommen. Diesmal wirken die alten Männer distanzierter, die Begrüßung ist erkennbar bloß eine Pflichtübung. "Weil der kalte Krieg zu Ende war, fiel dieser Bruderkuss nicht ganz so warm aus", interpretiert Bossu augenzwinkernd den Unterschied. (pyp)

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