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Wahl mit Spannung erwartet

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Nikolas Andritsos (links) und Nikos Babis wenden sich gegen Klischees über Griechenland.
Nikolas Andritsos (links) und Nikos Babis wenden sich gegen Klischees über Griechenland. © Claus Völker

Am Sonntag ist in Griechenland Wahl. Bei der Darmstädter griechischen Gemeinde wird das Ergebnis mit Spannung erwartet. Mitwählen dürfen sie von Deutschland aus nicht.

Es braucht schon einiges, um die Gespräche im Café Plaka in der Landgraf-Philipps-Anlage zum Erliegen zu bringen. Ein halbes Dutzend älterer Männer sitzt beisammen, plaudert unter dicken Tabakrauchschwaden, auf den Tischen wachsen die Canasta-Karten Stück für Stück zu langen Reihen heran. Viele Themen werden verhandelt, aber als nach der bevorstehenden Wahl gefragt wird, ist es schlagartig still – so still, dass man die Räder der Spielautomaten rauschen hören kann.

„Wir haben früher oft über Politik geredet“, sagt schließlich ein Mann. „Wir haben damit aufgehört.“ Es seien doch sowieso alle Parteien für die Krise verantwortlich, findet ein anderer. Was solle man da noch diskutieren?

Ganz anders sieht das bei Nicolas Andritsos und Nikos Babis von der Darmstädter griechischen Gemeinde aus, die in einem Café am Marktplatz sitzen. Die Wahl, finden sie, sei wichtig. „Wer dort noch Verwandte hat oder ein Haus besitzt, der ist von der Politik und von den Steuern betroffen.“ Nur: Mitwählen dürfen sie von Deutschland aus nicht, dazu müssten sie nach Griechenland reisen. Unbedingt in ihren Geburtsort. Es gibt nämlich in Griechenland kein Melderegister.

Nur am Heimatort zur Urne

„Wenn es um Griechenland geht, wird es immer kompliziert“, seufzt Andritsos gequält. Er hat sich damit arrangieren müssen und hofft auf einen guten Wahlausgang. „Es wird sich dadurch aber nichts von heute auf morgen ändern. Was 40 Jahre lang falsch gelaufen ist, das können wir nicht in zwei Jahren beheben.“ Das eigentliche Problem, die Vetternwirtschaft, sei eines der gesamten Gesellschaft, nicht das einer bestimmten Partei.

„Sie können sich das hier gar nicht vorstellen“, schimpft Babis. „Da gab es Familien, da ist der eine Teil zu den Konservativen gegangen, der andere zu den Linken und man war abgesichert. Das galt als normal.“ Dieses Muster zu durchbrechen, sei die eigentliche Herausforderung. Und dazu „ist die Wahl nur ein kleiner, aber ein Schritt auf einem langen Weg“.

Beide wissen, dass der Spielraum für die griechische Politik auch nach der Wahl gering sein wird, dafür sorgen die Geldgeber. „Andererseits kann man ohne den Druck aus dem Ausland vieles gar nicht durchsetzen.“ Einige Fortschritte sehen sie schon, aber Fortschritt müsse man in Griechenland anders bewerten.

Herablassende Kommentare

„Jeder Grieche muss jetzt eine Steuererklärung abgeben“, sagt Andritsos. „Das ist bei uns Fortschritt.“ Trotz aller Klientelpolitik, ein anderes Klischee, das zur Wahl wieder hochkocht, möchten sie nicht auf sich sitzen lassen: das des faulen Griechen.

Vor 30 Jahren sei das Griechenland-Bild positiv gewesen, nun bekämen sie häufig herablassende Kommentare zu hören. „Da arbeitet einer 40 Jahre hier, zahlt seine Steuern und dann muss er sich rechtfertigen.“ Wer in Griechenland nicht im Staatsdienst sei, der leide unter der Klüngelwirtschaft doch selbst am meisten. „Im Norden auf dem Land gehen wir bei Sonnenaufgang aufs Feld und bei Sonnenuntergang wieder heim. Ein Freund von mir arbeitet von mittags um zwei bis nachts um vier in einer Bar, sieben Tage die Woche, für 600 Euro im Monat.“ Wenn dann von arbeitsscheu die Rede sei, tue das doppelt weh.

Gerade deshalb hoffen sie auf die Wahl. Das Land könne dabei seiner Verantwortung gerecht werden. Und auch wenn sie nicht mitwählen dürfen: „Es geht darum, wie Griechenland in Europa gesehen wird.“ (eda)

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