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Mit W-Lan – aber altmodisch

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Jürgen Scharf mit Ehefrau Irina Meese und Tochter Maja vor ihrem Hotel.
Jürgen Scharf mit Ehefrau Irina Meese und Tochter Maja vor ihrem Hotel. © Guido Schiek

Die Pension „Haus Waldfriede“ hat sich den Charme einer vergangenen Zeit bewahrt. Ihr Betreiber Jürgen Schart bemüht sich um das Familienerbe.

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Kein Pieps ist zu hören, kein Auto oder Flugzeug, vielleicht mal die Straßenbahn, die entfernt vorbeifährt. Waldfriede, der Name des Hauses passt perfekt. Laut sind allenfalls die Vögel, die morgens ihr Konzert anstimmen. 1898, als Gustav Guntrum das Anwesen erbauen ließ, mag er noch treffender gewesen sein. Da gab es tatsächlich nichts außer Wald dort vor den Toren Darmstadts. Die Villenkolonie in Eberstadt existierte noch nicht.

Jürgen Scharf hat historische Postkarten gesammelt, die das Haus darstellen. Es sind verschnörkelte Zeichnungen oder kitschig nachkolorierte Fotografien aus der Zeit der Jahrhundertwende. Ein weitläufiger Park ist darauf zu sehen, ein Brunnen mit Fontäne, mehrere Pavillons. Die Villa hatte früher mal einen Aussichtsturm. „Es gab sogar eine Garten-Grotte“, erzählt Scharf.

Jürgen Scharf ist hier groß geworden, seine Mutter Annelore war mehrere Jahrzehnte Besitzerin und Betreiberin der Pension. Gemeinsam mit seiner Frau Irina und seinem Bruder Olaf führt der 47-Jährige seit ihrem Tod die Familientradition fort. Das dreigeschossige Anwesen liegt etwas zurückgesetzt in der Friedrich-Naumann-Straße. Die Bleiverglasungen der Fenster, die Zierelemente der rosafarbenen Fassade, das neubarocke Portal kennzeichnen den Prunk der wilhelminischen Epoche. In alten Eberstädter Heimatheften wird das Haus als das damals teuerste Anwesen der Villenkolonie beschrieben, mit „auf das Vornehmste ausgestatteten Innenräumen“ und einem mehrere Tausend Quadratmeter großen Wirtschaftsgarten. Eine Attraktion an Wochenenden.

An einem schönen Sonntagnachmittag, heißt es, waren hier keine Sitzgelegenheiten mehr zu haben. Die Straßenbahnhaltestelle hieß bis 1965 „Zum Waldfrieden“. Doch schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs war der Ruhm Vergangenheit, die Gasthaus-Zeiten passé. Die Villa wurde zum Wohnhaus umgebaut. Ein Großteil des Areals wurde als Bauland verkauft, die Fassade bröckelt an so mancher Stelle.

16 Zimmer

Jürgen Scharf und seine Frau Irina Meese bemühen sich um das Familienerbe. Er ist Diplom-Mathematiker, sie Architektin. Beide arbeiten Teilzeit, um sich dem Hotelbetrieb widmen zu können. 16 Zimmer sind zu unterhalten.

Scharfs Mutter Annelore erwarb die Villa in den 60er Jahren als Wohnhaus. „Ihr Traum war, ein Hotel zu eröffnen“, erzählt ihr Sohn. Nach langer Suche wurden sie und ihr Mann in Eberstadt fündig. Das Haus Waldfriede war damals in sechs Wohnungen unterteilt, erst 1973 eröffnete Annelore Haas, wie sie damals hieß, ihr Hotel.

Jürgen Scharf ist mit Gästen und dem Hotelleben aufgewachsen. Als Kind half er im Frühstücksraum mit. „Ich erinnere mich an einen israelischen Vize-Schachweltmeister, der mit mir Schach gespielt hat“, erzählt er. Viele US-Offiziere lebten im Hotel Waldfriede, bis sie eine Wohnung gefunden hatten. „Ich habe mit ihren Kindern gespielt, war später oft auch mit auf der US-Base zum Pizza-Essen und Einkaufen“. Der Familienbetrieb hat ihn geprägt. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebt er im Anbau.

„Wir haben W-Lan, sind aber altmodisch“, sagt Scharf. Hier und da blättert heute die Tapete, die Einrichtung ist historisch, an manchen Stellen aber auch in die Jahre gekommen. Kein Zimmer gleicht dem anderen, alle sind in einer fröhlichen Farbe gestrichen, und so manche sanitäre Lösung von damals ist schlicht, wenn auch originell. Da hängt dann das Waschbecken mal in der Loggia oder steht die Dusche im Vorraum. Peu à peu modernisiert das Paar die Zimmer. „Ich mache vieles selbst“, sagt Scharf.

„Das Haus polarisiert“, weiß er. „Viele Gäste wollen aber bewusst in keine Hotelkette“, sagt seine Frau. Sie schätzen das preiswerte, familiäre Haus. Zu ihnen kommen Künstler, die im Staatstheater gastieren, erzählt Scharf. Eines loben die Gäste übereinstimmend, sagt Irina Meese: „dass man bei uns so wunderbar ruhig schläft.“ Haus Waldfriede, der Name passt eben. (alu)

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