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Vorsicht an der Bahnsteigkante

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Unebener Boden, rissiger Asphalt: Seit Jahren verspricht die Bahn eine Sanierung. Bis heute ist sie  ausgeblieben.
Unebener Boden, rissiger Asphalt: Seit Jahren verspricht die Bahn eine Sanierung. Bis heute ist sie ausgeblieben. © Claus Völker

Seit Jahren verspricht die Bahn eine Sanierung des maroden Darmstädter Nordbahnhofs, doch bis heute ist nichts geschehen. Jetzt verletzt sich ein Pendler schwer, als ein Teil des Bahnsteigs unter ihm wegbricht.

Das gelbe Warnschild an Gleis 2 des Nordbahnhofs muss Andreas Kaufmann nun vorkommen wie Hohn. Es zeigt einen Zug und einen Bahnsteig, beide signalrot, und in der Mitte ein Männchen, das in den Spalt dazwischen zu stürzen droht. Bittere Wirklichkeit wurde das für den 57-jährigen Fränkisch-Crumbacher vor zwei Wochen. Allerdings nicht wegen der Kluft, die der Merck-Biologielaborant und Sicherheitsbeauftragte seit 20 Jahren kennt. Nein, er stürzte, weil ein Teil des maroden Bahnsteigs unter ihm wegbrach.

„Es ist so ziemlich alles kaputt, was im Knie kaputtgehen kann“, berichtet Kaufmann am Telefon aus seinem Krankenzimmer einer Frankfurter Unfallklinik, wo er sich am Montag einer mehrstündigen Operation unterziehen musste. Zwei Drittel des Meniskus seien entfernt worden. Das Innenband sei samt eines Stücks vom Knochen abgerissen, die Kreuzbänder zum Teil gerissen.

Kaufmann hat Schmerzen und kaum geschlafen. Es werde nichts mehr so sein wie früher. „Das Bein ist nie wieder richtig heil zu bekommen“, ergänzt seine Frau Gudrun. Was das für seine Arbeit bedeutet, ist noch nicht absehbar.

Noch am Tag des Sturzes, nachdem Andreas Kaufmann aus der Notaufnahme des Elisabethenstifts vorerst nach Hause entlassen wurde, hat das Ehepaar die Bahn angerufen. „Die waren sehr höflich und haben sich entschuldigt“, berichtet der verletzte Kunde. Man habe zugesagt, einen Mitarbeiter zum Nordbahnhof zu schicken und um einen schriftlichen Bericht für die Haftpflichtversicherung gebeten. Kaufmanns schalteten einen Anwalt ein und hoffen auf Schmerzensgeld.

Unfallstelle nur provisorisch geflickt

Das ist die eine Ebene, die persönliche. Die andere ist der Zustand des Bahnhofs. Und der betrifft nicht nur Andreas Kaufmann. „Ich möchte Sie davon in Kenntnis setzen, dass der Nordbahnhof sich in einem maroden und desolaten Zustand befindet“, schreibt er an die Bahn. Der Boden sei uneben und voller Schlaglöcher, die Bahnsteigkanten brüchig und teilweise geborsten, bei Gleis 2 und 4 betrage der Abstand zwischen Zug und Kante 40 Zentimeter und mehr. Kaufmann erzählt, er sei trotz Ortskenntnis vor einem Jahr schon mal in den Spalt gefallen, aber nicht so stark verletzt worden, dass er das angezeigt hätte.

Die Besitzer des Bahnhofskiosks berichteten, dass es oft zu Unfällen kommt. Auch ein Bahnsprecher habe das in einem Telefonat erwähnt. Zudem habe es geheißen, eine Sanierung sei in Planung. Doch Kaufmann ist skeptisch. Dieser Eindruck verfestigt sich, betrachtet man frühere Auskünfte der Bahn. „Wir werden sicherlich etwas auf den Weg bringen“, teilte ein Sprecher vor zwei Jahren mit. Ganz oben auf der Prioritätenliste rangiere der barrierefreie Zugang mithilfe von Fahrstühlen. Auch müsse der rissige Asphalt erneuert werden.

Doch der Bodenbelag ist bis heute rissig – und das gehört zu den weniger bedenklichen Schäden. Da stiefelt man auf dem Weg zu Gleis 2 über eine wacklige Treppenstufe, die notdürftig mit brüchigen Steinfragmenten geflickt wurde. Die Stelle, wo Andreas Kaufmann so schwer stürzte, ist mittels einer Füllmasse und eines Holzbretts allenfalls oberflächlich fixiert worden. Und greift man ein paar Meter weiter an eine beliebige Stelle der Bahnsteigkante, plumpst unverhofft ein handgroßes Steinstück heraus.

Gudrun Kaufmann hat erfahren, dass einmal wöchentlich jemand den Bahnhof auf Schäden kontrolliere. Das kann sie kaum glauben: Vier Tage nach dem Unfall ihres Manns sei die brüchige Kante nicht einmal markiert gewesen.

Verletzt die Bahn ihre Verkehrssicherungspflicht am Nordbahnhof? Die Antwort des Unternehmens fällt knapp aus. „Die Reparatur erfolgte vorige Woche“, sagt eine Sprecherin in Frankfurt. Auch der barrierefreie Ausbau sei weiter vorgesehen. Andreas Kaufmann aber bleibt besorgt: „Es ist eine Frage der Zeit, bis da ein tödlicher Unfall passiert. Dann hat die Bahn echt ein Problem.“ (aw)

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