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Visum verhindert Erholung

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Verschärfte Einreisebedingungen gefährden Besuche von weißrussischen Kindern.

Zum 24. Mal werden im Sommer Kinder aus dem weißrussischen Ort Wischnewa, der von der Tschernobyl-Katastrophe direkt betroffen war, zu einem Erholungsaufenthalt in Eberstadt erwartet. Doch erhöhte Visums-Anforderungen gefährden das humanitäre Langzeitprojekt des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM).

Die Nachricht aus der deutschen Botschaft in der weißrussischen Hauptstadt Minsk kam im Oktober: Künftig müssten alle Weißrussen vor der Einreise in die sogenannten Schengen-Staaten – eine Gruppe europäischer Staaten mit einheitlicher Kontrolle ihrer Außengrenzen, darunter Deutschland – biometrische Fotos fertigen und ihre Fingerabdrücke erfassen lassen. Das sind hohe Hürden. Neben den Visumskosten müssen sie bereits vorab in die Hauptstadt reisen, um für ihren Antrag die biometrischen Daten abzugeben.

Behörden fordern Fingerabdrücke

Mit den neuen Regeln droht einer Form grenzüberschreitender Kontakte das Aus, die von einer ganzen Reihe von Initiativen seit mehr als zwei Jahrzehnten mit großem Engagement gepflegt wird: Die Organisation von Erholungsaufenthalten für Tschernobyl-Kinder, also Schülern aus Regionen, die nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl 1986 von radioaktivem Niederschlag betroffen waren.

Zu den rührigen Initiativen gehört seit 23 Jahren auch der CVJM Eberstadt. Bereits mehr als 350 Kinder aus dem weißrussischen Ort Wischnewa hätten nach Beendigung der fünften Schulklasse einige Sommerwochen in Eberstadt verbracht, berichtet Hermann Fetzer vom CVJM, der für die in der Regel zwölfjährigen Gäste stets ein abwechslungsreiches Programm organisiert. Das Projekt kommt ohne öffentliche Zuschüsse aus, wird komplett von privaten Spendern finanziert.

Fetzer war perplex, als er von der verschärften Visumspflicht erfuhr. Aber der auch beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) engagierte Macher kennt nach eigenem Bekunden „natürlich Gott und die Welt“ und ließ seine Kontakte spielen.

Der Europa-Abgeordnete und ASB-Bundesvorsitzende Knut Fleckenstein sagte Hilfe zu. Unterstützung kam auch von Gremien der evangelischen und katholischen Kirche, die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer wandte sich im Sinne der Tschernobyl-Initiativen an das Auswärtige Amt.

Unterdessen hatte auch ein Vertreter der Initiativen direkt an Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier geschrieben und auf den „wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung“ hingewiesen, der durch die Hilfsaktionen geleistet werde. Eine Antwort kam: „Das Auswärtige Amt misst dem anhaltenden ehrenamtlichen Engagement zugunsten von Tschernobyl-Kindern eine große Bedeutung bei und unterstützt dieses nachdrücklich.“ Man wolle sich für Visa-Erleichterungen einsetzen.

Kontakt mit Politikern aufgenommen

In der Zwischenzeit hatte das Problem etwas an Dringlichkeit verloren: Die neuen Regeln, so teilte die deutsche Botschaft in Minsk im Februar mit, würden nicht vor Juni in Kraft treten. Da die Visa für die zwölf Kinder, die in diesem August nach Eberstadt kommen, bereits vorher beantragt werden, sind sie nicht mehr von der Verschärfung betroffen. Für die Zukunft aber bleibt die Frage offen.

Er selbst habe dem Europa-Abgeordneten Fleckenstein zwei Lösungsvorschläge unterbreitet, sagt Fetzer: Entweder humanitäre Hilfsaktionen werden vom Zwang zur Erfassung biometrischer Daten befreit, oder die Altersgrenze für visumsfreie Einreise wird von bisher elf auf 13 Jahre angehoben. Dann wären die Kinder aus Wischnewa nicht mehr betroffen.

Am heutigen Samstag nimmt Hermann Fetzer in Landau an eine Sitzung von Tschernobyl-Initiativen teil, zu der auch Ministerpräsidentin Malu Dreyer erwartet wird. (bad)

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