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Zu viel Wut im Bauch

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Die Odenwaldschule in Ober Hambach bei Heppenheim.
Die Odenwaldschule in Ober Hambach bei Heppenheim. © dapd

Das Missbrauchsopfer Gerhard Roese darf Vorwürfe gegen einen Lehrer der Odenwaldschule nicht wiederholen.

"Ich werde das verlieren“, wusste Gerhard Roese schon vor Beginn des Gütetermins am Freitag vor dem Darmstädter Landgericht. Roese war früher als Schüler der Odenwaldschule (OSO) jahrelang von Lehrern sexuell missbraucht worden. Vergangenes Jahr hatte er mit großer Wut im Bauch einen Brief an den Vorstand des Trägervereins der Schule geschrieben. Gegen die Äußerungen klagte ein darin missverständlich des sexuellen Missbrauchs bezichtigter ehemaliger Lehrer der OSO.

Roese war aufgebracht, weil schon im Jahr 2009 frühere Missbrauchsopfer Vertretern der Schule ihre Erlebnisse von damals geschildert hatten, ohne dass jedoch daraufhin etwas geschah. Kein Wunder, denn im Förderverein saßen noch immer jene Personen, die schon 1999 verhindert hatten, dass die Vorkommnisse öffentlich wurden. Heute ist bekannt, dass in dieser Zeit mehr als 130 Schülerinnen und Schüler von Lehrkräften sexuell missbraucht wurden.

Roese schrieb den Brief, weil alle Taten inzwischen verjährt sind. Er beschuldigt darin unter anderem Reimund Bommes, dieser habe eine verbotene sexuelle Beziehung zu einer Schülerin unterhalten. Und Roese schrieb im Zusammenhang mit dem Namen Bommes, er könne Missbrauch „aus eigener Anschauung und aus eigenem Erleben“ bestätigen.

Missverständlicher Brief

Womöglich hat Roese damals ungenau formuliert. Tastsächlich kennt er den Missbrauch aus eigener Anschauung und eigenem Erleben, aber keinen Missbrauch, der Bommes nachzuweisen wäre. Roeses Brief, eigentlich nur an die Vorstandsmitglieder des Trägervereins gerichtet, machte bald an der Schule die Runde. Schulleiterin Margarita Kaufmann habe ihn über den Vorstand hinaus verbreitet und irgendwann sei er bei der Presse gelandet, die dann über die Vorwürfe gegen Bommes berichtete. Bommes verklagte Roese daraufhin auf Unterlassung dieser Behauptungen und forderte eine Entschuldigung.

Schließlich kam es jetzt zu dem Sühneverfahren, in dem vor allem der Anwalt von Bommes immer wieder aufbrauste und jede Form der Versöhnung ablehnte. Er warf Roese sogar vor, für diesen Termin die Medien extra bestellt zu haben, weil er in dieser Sache keine Ruhe geben wolle. Roese trage sogar die Schuld, dass Bommes im vergangenen Jahr von der Odenwaldschule fristlos entlassen wurde. Das bezweifelte jedoch selbst der Richter, der immer wieder betonte, es werde hier nicht über den Missbrauch an der OSO entschieden, sondern es gehe lediglich um Anschuldigungen, die Roese gegenüber Bommes erhoben habe.

Bommes wurde fristlos gekündigt, weil er als IT-Beauftragter Inhalte einer E-Mail eines Missbrauchsopfers an einen mutmaßlichen Täter weitergab. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen Bommes wegen angeblicher sexueller Verfehlungen an der Schule und der Weiterleitung von E-Mail-Inhalten, stellte beide Verfahren jedoch ein. Bommes klagte gegen seinen Rauswurf, eine Entscheidung des Arbeitsgerichtes steht wohl im März an.

Anwalt lehnt Versöhnung ab

Roeses Anwalt Jens Jörg Hoffmann betonte mehrfach, sein Mandant werde die Vorwürfe aus dem genannten Brief nicht mehr wiederholen. Der Richter appellierte an die Gegenseite, dies so zu akzeptieren. Ein Urteil wurde nicht gefällt. Das Gericht muss jetzt nur noch festlegen, welche Kosten Roese zu tragen hat.

Dieser hat wegen seiner geringen Einkünfte als Bildhauer an der Kostenfestsetzung sicher zu knabbern. Prozesskostenhilfe wurde ihm verwehrt, weil von vornherein feststand, dass er nicht gewinnen würde. Dennoch zieht Roese aus der juristischen Auseinandersetzung auch einen Vorteil. Das Verfahren durchzuziehen sei für ihn ein weiterer Schritt auf dem Weg, den Missbrauch, der ihm an der Odenwaldschule angetan wurde, zu verarbeiten.

Roeses Anwalt sagte nach dem Sühnetermin, Bommes könne keineswegs seine Hände in Unschuld waschen. Er sei 30 Jahre Lehrer an der Odenwaldschule gewesen und habe dort in führenden Positionen, unter anderem als Mitglied des Trägervereins, als Vorsitzender des Vertrauensausschusses, als Vorsitzender des Personalrates und als Vorsitzender der Teekonferenz gearbeitet. Da hätten ihm die Gerüchte, die über den Missbrauch an der Schule in den 80er und 90er Jahren die Runde machten, bekannt sein müssen.

Bei der Verabschiedung eines früheren Schulleiters habe Bommes vor einigen Jahren sogar noch von den „sogenannten Tätern“ an der Odenwaldschule gesprochen. (hde)

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