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Das Konzept der Tagesklinik Am Birkenweg ist in der gesamten Region einmalig.
Das Konzept der Tagesklinik Am Birkenweg ist in der gesamten Region einmalig. © Andr Hirtz

Die Klinik „Am Birkenweg“ macht Alkoholabhängige wieder fit für Beruf und Familie.

Bei Georg Löw (Name von der Redaktion geändert) kam, wie er sagt, „auf einmal alles zusammen“. Der gelernte Bürokaufmann verlor seinen Job in der Logistikbranche – die Firma wanderte ins Ausland ab. Seine Ehefrau verließ ihn zugunsten eines neuen Lebensgefährten. Dann starb noch ein naher Angehöriger, „und da hat es mit der Sauferei so richtig angefangen“.

Bald war es „das Verdauungsschnäpschen nach dem Frühstück“, am Ende ein Wasserglas Wodka schon vor dem Aufstehen, „um richtig wach zu werden“. Der Pegel lag bei zwei Flaschen Wodka pro Tag. Bis Löw spürte: „Ich kann nicht mehr.“ Als Notfall wurde er zur professionellen Entgiftung in die Psychiatrie des Elisabethenstifts eingewiesen. Nach vierzehn Tagen war Löw „trocken“.

Bis zu diesem Punkt ähneln sich alle Trinkerkarrieren mehr oder minder. Aber nicht bei dem, was danach kommt, der therapeutischen Rehabilitation. Für leichte Fälle, Menschen, die sich sozial gut geborgen wissen, gibt es diese in ambulanter Form, mit wöchentlichen Terminen in der Suchtberatung. Wo das familiäre und berufliche Netz bereits zerrissen ist, wo zudem noch schwere Begleiterkrankungen zu behandeln sind, wird in der Regel die stationäre Therapie fällig, etwa in der Bensheimer Klinik „Schloss Falkenhof“.

Was aber ist mit den Menschen, für die das eine Angebot zu kurz greift, bei denen die stationäre Therapie mit ihrem massiven Eingriff ins Leben aber nicht unbedingt nötig ist? Für sie hat die Caritas vor zehn Jahren in Darmstadt die Tagesklinik „Am Birkenweg“ gegründet – auf Anregung der Deutschen Rentenversicherung. „Ein immer noch sehr seltenes Modell“, wie Carlo Schmid, ärztlicher Direktor von Schloss Falkenhof, sagt. „Das einzige in Darmstadt und im weiten Umkreis.“

Auch Patienten etwa aus Mainz oder Wiesbaden nehmen daher den Weg auf sich, um hier jeden Morgen um 8.30 Uhr anzutreten. Denn auch in der Tagesklinik gibt es ein festes Programm, eine feste Struktur, die die Patienten verpflichtend einbindet: sechs Mal in der Woche, zwölf Wochen lang. Der Tagesablauf umfasst Gruppentherapie, Einzelgespräche, Mittagessen, Sport, Gymnastik, Ergotherapie, Kunsttherapie. Rehabilitation heißt auch hier: wieder fit zu werden für ein normales Leben, zurückfinden in Familie und Beruf.

Dazu müssen Konflikte aufgespürt werden. Und die Patienten lernen, sie auch zu benennen. Zur Therapie gehört, andere Formen der Stressbewältigung als die Flasche zu finden, und diesen Formen dauerhaft zu vertrauen. Partner werden mit einbezogen. Wenn die Ursachen der Sucht im Beruf liegen, bitten die Therapeuten auch den Arbeitgeber in die Klinik. Rund 83 Prozent der so rehabilitierten Patienten schafften es zurück in den ersten Arbeitsmarkt, sagt Schmid. Sechzig Prozent stützten sich dabei auf Angebote der Nachsorge, etwa in einer Selbsthilfegruppe.

Hausärzte skeptisch

Das hat auch Löw im Sinn, der mit sechs von zwölf Wochen „gerade Halbzeit feiert“. Aber erst mal brauche er ein paar Tage Therapieurlaub.

Die Tagesklinik mit ihren zwanzig Therapieplätzen müsste eigentlich angesichts ihrer positiven Bilanz immer voll besetzt sein. Doch das ist nicht so. „Weil in den Köpfen zum Beispiel der Hausärzte immer noch ,stationär‘ ganz vorne steht“, sagt Schmid. „Stationär ist sicher, kontrolliert, wie eine Kur. Dass der Patient abends nach Hause geht, können sich viele gar nicht vorstellen.“

Genau damit aber punktet der Birkenweg, „zum Beispiel bei Müttern, die auf die Betreuung ihrer Kinder nicht verzichten wollen“. Außerdem, sagt Carlo Schmid, „ist hier immer der Alltagsbezug gegeben. Die Patienten werden jeden Abend mit den Dingen konfrontiert, die es draußen gibt“. Die Bierwerbung auf dem Heimweg zum Beispiel. Darüber kann dann schon am nächsten Tag in der Therapie gesprochen werden. (ers)

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