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Verschwundene Kunstschätze aus dem Landesmuseum Darmstadt

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Von: Annette Schlegl

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2009 war das Museumsgebäude für die Sanierung ausgeräumt. Ein Teil der Kunstgegenstände ist heute nicht auffindbar.
2009 war das Museumsgebäude für die Sanierung ausgeräumt. Ein Teil der Kunstgegenstände ist heute nicht auffindbar. © Michael Schick

Der Landesrechnungshof rügt das Hessische Landesmuseum in Darmstadt wegen nicht auffindbarer Kunstobjekte. Jetzt wehrt sich der Museumsdirektor gegen diese Vorwürfe.

Die Vorwürfe lesen sich dramatisch: Kunstobjekte seien nicht auffindbar, ein Provisorium verschlinge Millionen, und bei Exponaten im Wert von 7,6 Millionen Euro sei der Verbleib unklar. Das schreibt der Landesrechnungshof in seinem Jahresbericht 2021, der am Freitag in Wiesbaden vorgestellt wurde. Nun verwahrt sich Martin Faass, der Direktor des Landesmuseums, gegen diese Vorwürfe. Der Rechnungshof, der ein unabhängiges staatliches Organ der Finanzkontrolle ist, habe Fakten verkürzt dargestellt, sagt er. Das werfe auf sein Museum unverdientermaßen ein schlechtes Licht.

Der hessische Rechnungshof, der den sorgsamen Umgang mit Steuergeldern überprüft, hatte das Landesmuseum gerügt, es gehe nicht angemessen mit den hessischen Kunstschätzen um. Das Darmstädter Museum verwahrt rund ein Drittel aller Kulturobjekte des Landes.

Museumsdirektor: Kunstschätze fehlen nicht, sondern sind falsch in SAP übertragen worden

Laut Landesrechnungshof ist beim Teilkonzernabschluss 2020 in einer Zufallsstichprobe festgestellt worden, dass die Existenz von Kunstschätzen mit einem Wert von 7,6 Millionen Euro nicht ausreichend belegt werden konnte. Diesen Hinweis findet Direktor Faass „mehr als unglücklich“. Sein Museum habe nämlich immer wieder darauf hingewiesen, dass dieser Betrag auf fehlerhafte Datensätze bei der Vollinventur 2012/13 zurückgehe. Die Daten aus den hessischen Landesmuseen seien damals zusammengetragen und in SAP übertragen worden. Dabei sei es zu Fehlern gekommen. Mit dem Rechnungshof habe es Absprachen gegeben, dass diese Fehler bei der nächsten Vollinventur 2023/24 behoben werden. Das habe der Rechnungshof der Presse jedoch so nicht mitgeteilt.

„In der Verkürzung der Fakten wird damit ein skandalisierendes Bild der tatsächlichen Situation gezeichnet“, empört sich Faass. Damit beschädige der Rechnungshof das Ansehen des Hessischen Landesmuseums sowie dessen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen.

Seit 15 Jahren lagern Kunstwerke des Landesmuseums Darmstadt in wenig geeigneten Räumen

Von 2007 an waren 70 bis 90 Prozent der Kunstschätze aus dem Landesmuseum ausgelagert worden, weil das Gebäude bis 2009 saniert und das Depot neu gebaut werden sollte. Industrielagerhallen wurden für die Exponate angemietet. 2010 entschieden Wissenschafts- und Finanzministerium aufgrund der stark gestiegenen Sanierungskosten für das historische Gebäude, den Depot-Neubau auf 2015/16 zu verschieben. Er entstand jedoch bis heute nicht. Nun ist er für 2028 avisiert – mit geschätzten Kosten von 62,6 Millionen Euro.

Seit 15 Jahren werden nun die als Übergangslösung gedachten Lagerhallen als Depots und Werkstätten genutzt. Für hinzukommende Kunstobjekte mussten weitere Depotflächen angemietet werden. Allein die Mietkosten belaufen sich mittlerweile auf mehr als 13 Millionen Euro.

Es gibt Schäden an eingelagerten Kunstobjekten des Landesmuseums Darmstadt

Außerdem kam es mittlerweile zu Schäden an den eingelagerten Objekten – beispielsweise zu Schädlingsbefall bei zoologischen Präparaten. Verpackung und Lagerung des Kunst- und Kulturguts seien nicht in allen Fällen werterhaltend gewesen, teilt der Landesrechnungshof öffentlich mit. Auch das ärgert den Museumsdirektor. Es sei nicht die Rede davon, dass es eine politische Entscheidung war, die provisorische Depotsituation fortzusetzen, „und dass wir als Museumsteam alles dafür getan haben, was unter diesen Umständen möglich ist, um gute Lagerbedingungen für die Objekte herzustellen“, so Faass.

Das Hessische Landesmuseum in Darmstadt verwaltet eine Sammlung von 1,4 Millionen Objekten mit einem Bilanzwert von insgesamt 1,5 Milliarden Euro.
Das Hessische Landesmuseum in Darmstadt verwaltet eine Sammlung von 1,4 Millionen Objekten mit einem Bilanzwert von insgesamt 1,5 Milliarden Euro. © Renate Hoyer

Der Rechnungshof weist aber zumindest darauf hin, dass dem Wissenschaftsministerium die Lagerverhältnisse bekannt gewesen seien. Er wirft dem Ministerium vor, seine Überwachungspflicht zumindest in Teilen vernachlässigt zu haben. „Das Wissenschaftsministerium hätte frühzeitig für eine sachgerechte Lagerung während der Sanierung sorgen und bei den aufgetretenen Verzögerungen schnell reagieren müssen“, sagt Walter Wallmann, Präsident des Landesrechnungshofs. Nach 15 Jahren könne man nur hoffen, dass ein Teil der verschwundenen Objekte beim Aufräumen vielleicht doch noch „gefunden“ werde und dass die Schäden reparabel seien.

Sechs Kunstwerke des Landesmuseums sind schon lange komplett verschwunden

Seit mindestens 2012 fehlen auch sechs Kunstwerke. Das Museum habe aber erst 2017 bei der Polizei Anzeige erstattet, heißt es im Rechnungshofbericht. Die Staatsanwaltschaft habe das Verfahren eingestellt, da kein Täter zu ermitteln war. Das Wissenschaftsministerium habe erst 2020 durch die Teilkonzernabschlussprüfung davon erfahren. Faass selbst stieß erst im Januar 2019 zum Landesmuseum.

Wallmann ist der Meinung, dass „dringender Handlungsbedarf besteht, damit das historische Erbe bewahrt und weitere Schäden von Kunst und Kultur abgewendet werden können“.

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