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Die Vermessung der Bäume

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In der Darmstädter Heinrichstraße wird die Standfestigkeit des Baumbestandes überprüft.

"Kann losgehen", ruft Mark Pommnitz über die Heinrichstraße und schaut auf den Laptop vor sich. Auf der anderen Straßenseite beginnt Eiko Leitsch, mit dem Greifzug den um den Baum gelegten Gurt zu spannen. Ein leises Knarzen dringt irgendwann aus dem Holz. „Gut“, ruft Pommnitz, da sind 400 Kilo Zugkraft erreicht. Sein Kollege hört auf zu spannen und meldet: „13 Grad Neigung.“

Wie standfest sind die Bäume in der Heinrichstraße? Das zu messen war am Samstag Aufgabe zweier Sachverständiger. Die Stadt hatte sie beauftragt, 24 Bäume auf dem Abschnitt zwischen Heidenreich- und Gerviniusstraße zu überprüfen. Es ist der Abschnitt, wo Anfang Juni ein Baum bei Wind auf die Straße gestürzt war und fast ein vorbeifahrendes Auto erwischt hätte. Und es ist der Abschnitt, wo zuvor der Seitenstreifen umgestaltet wurde, mit Folgen auch für die Wurzeln.

„Das ist der eine Teil der Arbeit“, erläutert Diplom-Forstwirt Pommnitz mit Blick auf die Messergebnisse. Der andere Teil stehe in ihrem Büro an. „Wir rechnen hoch, was bei Sturm passiert und was der Baum noch schafft.“ Möglich mache das ein neues Verfahren mit einer speziellen Software, das in dieser Form erstmals in Darmstadt zum Einsatz kommt.

Der Bedarf an der Vermessung der Bäume wächst laut dem Fachmann. „Zum einen gibt es mehr Stürme.“ Außerdem hätten die Bautätigkeiten zugenommen – Stichwort Versorgungsleitungen – was Bäume zusätzlich unter Stress setze. „Und der Baumwert steigt.“ Man wolle mehr erhalten als früher.

Nächster Baum, nächste Messung. Zwei Männer stoppen erneut für einen kurzen Moment den Verkehr auf der Heinrichstraße, während sich unter Leitschs Händen der Gurt spannt. „Das Problem hier ist, dass offenbar nicht auf die Bedürfnisse der Bäume geachtet wurde“, bedauert der Landschaftsgärtner. „Das ist leider oft der Fall.“ Und dabei stünden Bäume in einer Stadt schon genug unter Druck. Anders als im Wald würden sie hier zwischen die Bebauung gezwungen. „Das führt zu Konflikten“, sagt Leitsch. „Der Baum braucht einen lockeren, gut durchlüfteten Boden.“

In Darmstadt, so betont der Vizepräsident des Landschaftsgärtner-Verbands mit 30 Jahren Baumerfahrung, ginge es den 30 000 bis 40 000 Bäumen insgesamt sehr gut. Und das liegt nicht nur an dem sandigen Boden mit seinem recht hohen Sauerstoffgehalt. „Das Handling des Bestandes hier ist bundesweit beispielhaft.“ So führe Darmstadt bereits seit den Achtzigern ein Baumkataster. Auch gewähre man bei Neupflanzungen eine vergleichsweise große Grube von sechs Kubikmetern.

Stadt führt ein Baumkataster

„Wir kümmern uns sehr rührend um unseren Baumbestand“, befindet Grünflächenamtsleiterin Doris Fath, die bei der Zugversuch-Aktion vorbeischaut und sich über das Lob freut. Der Rückbau des Gehwegs in der Heinrichstraße sei ja gerade geschehen, um den Wurzeln mehr Raum zu geben. Und die zwischen die Stämme gesetzten Granitstelen sollen das Beparken verhindern.

Dass einige Bäume durch den Rückbau der Bordsteinkante möglicherweise an Halt verloren haben oder Wurzeln durch die Arbeiten beschädigt wurden, damit habe man rechnen müssen. „Das lässt sich nicht vermeiden“, kommentiert Fath etwaige Schäden. Und wenn ein Baum sich nun als nicht standfest erweise, müsse er auch letztlich gefällt werden.

Und das muss auch nicht immer schlimm sein, wie Forstwirt Mark Pommnitz zu bedenken gibt. Im Gegenteil: Auch dort gebe es ein Generationenproblem, und es sei wichtig, etwas gegen die überalternde Baumgesellschaft zu tun. „Deswegen sollte die Stadt immer wieder alte Bäume fällen, damit neue nachwachsen können.“ (aw)

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