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Verletzende Frage

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Von: Frank Sommer

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Isabel Schäfer von der Berliner Humboldt-Universität sprach über Identität und Heimat.
Isabel Schäfer von der Berliner Humboldt-Universität sprach über Identität und Heimat. © Rolf Oeser

In der Evangelischen Stadtakademie in Darmstadt führen Besucher der Vortragsreihe "Making Heimat" eine erregte Diskussion über das Identitätsverständnis von Migranten

„Woher kommst Du?“: Eine einfache, eine wichtige Frage. Denn zu wissen, wo die eigenen Wurzeln liegen, ist für das Selbstverständnis unerlässlich. Aber auch eine Frage mit Konfliktpotenzial, wie sich am Dienstag in der Evangelischen Stadtakademie zeigte. Im Rahmen der Reihe „Making Heimat“ der Stadtakademie in Kooperation mit der Frankfurter Rundschau sprach Isabel Schäfer vom Institut für Sozialwissenschaften der Berliner Humboldt-Universität über hybride Identitäten – wie Menschen mit Migrationshintergrund ihre „alte“ und „neue“ Identität in der neuen Heimat miteinander verbinden.

Dass das Thema Zündstoff bietet, ist bekannt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich die Zuhörerschaft auch bei der Diskussion um die Frage nach der Herkunft in zwei Lager aufteilte. Während die einen die an Menschen mit Migrationshintergrund gerichtete Frage als ausgrenzend und diskriminierend empfanden, sahen die anderen darin eine höfliche Interessensbekundung zwecks Gesprächseinstieg.

„In Interviews, die ich mit jungen Muslimen, die in Deutschland geboren wurden, geführt habe, haben sehr viele sich durch diese Frage verletzt gefühlt“, sagte Schäfer. Auch ein Zuhörer mit pakistanischem Hintergrund, dessen Töchter in Deutschland geboren sind, sagte, dass diese sich durch die Frage nach der Herkunft ausgegrenzt fühlten. „Diese Empfindlichkeit führt doch zu einem völlig verkrampften Umgang miteinander“, sagte eine Zuhörerin, andere verließen gar den Saal, so sehr erregte sie das Frageverbot.

Mit der heftigen Diskussion war die Zuhörerschaft mitten in die Thematik um Herkunft und Zugehörigkeit geraten. Migranten, so führte Schäfer aus, bauten sich oft eine „Halb-halb“-Identität auf: Halb im Hier der neuen Heimat, halb in der alten Heimat der Eltern verortet. „Sie sitzen zwischen den Stühlen“, sagte Schäfer. Manche aber würden einen „dritten Stuhl“ finden: etwa ein idealisiertes Islam-Bild, das ihnen als Identität diene. Dieser idealisierte Islam müsse nicht unbedingt radikal sein, sei aber konservativer als die Religiosität des Elternhauses und in scharfer Abgrenzung zu den Werten der westlichen Gesellschaften.

Auch die „Gangsta“-Subkultur könne laut Schäfer identitätsstiftend für Jugendliche sein. „Hauptsache, man ist kein ‚Opfer‘.“ Gerade für die „Nachgeborenengeneration“ stelle sich die Identitätsfrage, da sie in einem steten Spannungsfeld zwischen ihrer „deutschen“ Identität und den kulturellen Wurzeln ihrer Eltern oder Großeltern stünden.

Gleichzeitig zeichne sich die Mehrheitsgesellschaft durch Widersprüche aus: Einerseits sprächen sich die Menschen für Teilhabe und Integration aus, doch je näher diese Teilhabe an ihre Lebenswirklichkeit käme, umso mehr steige der Wunsch nach Abschottung.

Dabei, so führte Schäfer aus, könnten Menschen mit gemischten oder hybriden Identitäten gut als Brückenbauer der Völkerverständigung fungieren. „Durch ihre Fähigkeit, ständig die Loyalität neu zu hinterfragen, und ihren Umgang mit Differenzen sind sie potenzielle Vermittler etwa zwischen dem nördlichen und südlichen Mittelmeerraum oder zwischen Europa und der muslimischen Welt.“

Dass es aber den Wunsch nach einer „einfachen“ Identität gebe, sieht Schäfer in der Globalisierung begründet. „In einer unübersichtlichen Welt suchen wir nach Schubladen.“ Deshalb habe auch die Frage, woher man komme, wieder an Bedeutung gewonnen. Diese, so empfahlen Schäfer wie auch ein Besucher, setze Fingerspitzengefühl auf beiden Seiten voraus: „Die einen sollten nicht gleich eingeschnappt sein, die anderen sollten sich überlegen, ob das Gegenüber nicht ein in Deutschland Geborener der zweiten Generation sein könnte.“

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