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Die Rekonstruktion des Skelett-Fundes des Messeler Urpferds ermöglicht die Betrachtung von beiden Seiten. Im Hintergrund links: Das originale Skelett.

Landesmuseum Darmstadt

So sah das Urpferd vor 48 Millionen Jahren aus: Hessisches Landesmuseum zeigt Rekonstruktion

  • Claudia Kabel
    vonClaudia Kabel
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Zum 25. Jubiläum des Welterbes Grube Messel präsentiert die Einrichtung neue Erkenntnisse zum Urpferd. Erstmals ist eine naturgetreue Rekonstruktion zu sehen.

Darmstadt - Wer sich auf der Autobahn Darmstadt nähert, dem ist Propalaeotherium voigti garantiert schon einmal begegnet: das Messeler Urpferdchen. Sein Konterfei, oder besser eine Abbildung seines Skeletts, prangt auf den Hinweisschildern zur weltweit bedeutendsten Fossilienfundstätte Grube Messel und ist gleichzeitig Wappentier des Hessischen Landesmuseums Darmstadt.

Die Auszeichnung der Grube Messel als erstes deutsches Unesco-Naturdenkmal jährt sich dieses Jahr zum 25. Mal. Anlass für das Landesmuseum, zu einer besonderen Ausstellung einzuladen: „Urpferd 2.0“. Es ist übrigens die erste Sonderschau des Hauses seit dem Corona-Lockdown, und sie ist mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden: Der Vorfahre unserer Pferde bewegte sich so ähnlich wie ein Hund und hatte Füße wie ein Tapir, auch war sein Rücken viel weniger gekrümmt als bislang angenommen.

In Messel war eine naturgetreue Rekonstruktion des Messeler Urpferdchen zu sehen

In der jetzt eröffneten Ausstellung können Besucher erstmals eine naturgetreue Rekonstruktion eines Messeler Urpferdchen sehen. Die Schau widmet sich aber nicht dem kniehohen Urpferd im Allgemeinen, sondern nur einem Exemplar, das erst 2015 gefunden wurde und einer Art angehört, die bislang aus Messel noch nie mit kompletten Exemplaren belegt war.

Das rekonstruierte Messeler Urpferd möchte man am liebsten streicheln.

Dieser spektakuläre Fund eines vollständigen Skelettes, das allerdings auf wenige Zentimeter zusammengedrückt war, wurde nun in Kooperation mit der Technischen Universität Dresden, der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und anderen Experten mit neuesten digitalen Techniken untersucht. Unter anderem wurde eine Computertomografie des 48 Millionen Jahre alten Fossils angefertigt. „Dafür mussten wir erst einmal ein MRT finden, in das wir so einen großen Block hineintun konnten“, erklärt der Kurator der Ausstellung, Torsten Wappler. Auf Basis dieser hochauflösenden Tomografie wurde mit Hilfe eines 3D-Programms das Urpferdchen rekonstruiert und animiert.

Ausstellung „Urpferd 2.0“

Die Präsentation „Urpferd 2.0“ ist bis 25. April 2021 im Eingangsbereich der Abteilung Erd- und Lebensgeschichte am ursprünglichen Standort des Elefantenvorfahrens Mastodon zu sehen.

Nächste Führungen finden statt: Sonntag, 6. September, 11.30 Uhr und 15 Uhr (Familienausflug); Sonntag, 20. September, 14 Uhr; Mittwoch 23. September, 18.30 Uhr; Sonntag, 18. Oktober, 14 Uhr; Mittwoch 28. Oktober, 18.30 Uhr.

Die Führungen kosten 2 Euro zuzüglich des Museumseintritts (6 Euro, ermäßigt 4 Euro), beim Familienausflug wird nur der Eintritt fällig.

Wegen der Corona-Pandemie gelten folgende Auflagen: maximal neun Teilnehmer pro Führung, Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung, Beachtung des Mindestabstands.

Infos unter http://www.hlmd.de

Grube Messel startet „„in eine neue Generation der Erforschung der Fundstücke“.

„Wir können nun erstmals sagen, wie das Skelett des Tieres aussah und wie es sich bewegt hat“, sagte Museumsdirektor Martin Faass. Man schreite damit „in eine neue Generation der Erforschung der Fundstücke der Grube Messel“. So sei nun auch erstmals das Geschlecht des Tieres festgestellt worden – es war ein Hengst. Per 3D-Drucker wurden zudem seine Knochen hergestellt und von den Präparatorinnen Susann Steinmetzger und Mascha Siemund zusammengesetzt. Danach wurden die Muskeln aus einer Art Knetmasse aufgebracht und der Körper mit echtem Tierhaar bedeckt. Allein das Einnadeln von 1,5 Millionen einzelnen Reh- und Damwildhaaren habe 270 Stunden gedauert, die gesamte Rekonstruktion 470 Arbeitsstunden, wie Steinmetzger sagt.

„Jedes Detail ist gut durchdacht“, sagt die Präparatorin. So habe man sich am Erscheinungsbild lebendiger Tiere orientiert und sich etwa für dunkle, horizontal aufgestellte Pupillen entschieden, da das Urpferd im Unterholz lebte und ein Fluchttier gewesen sei. Deswegen erhielt es auch eine senkrechte helle Fellpartie am Kopf wie bei einem Rehkitz. Bei der Gestaltung seiner Schnauze habe man sich an den Lippen des Nashorns orientiert, weil das Urpferd Laub fraß und kein Gras wie seine heutigen Nachfahren. „Vermutlich ist es auch nicht galoppiert“, so Steinmetzger.

Präparatorin Susann Steinmetzger erklärt die Rekonstruktionsarbeit des Urpferdes.

Im 200. Jahr des Landesmuseums Darmstadt treibt die Corona-Pandemie die Besucherzahlen in den Keller.

Neben dieser Neuinterpretation des Urpferdes ist in der Ausstellung auch eine 3D-Skelettmontage sowie eine Plastik zu sehen, bei der die Besucher die Möglichkeit haben, an einem Mischpult eigene Fellmustertexturen auf das Urpferd zu projizieren. Außerdem präsentieren drei Videostelen allerlei Details der Fundbergung, der Präparation und der eigentlichen Animation. Für die Grube Messel sei es “das erste Mal, dass ein Modell aus einem 3D-Druck erstellt wurde“, sagt Wappler. Die Exponate sollen irgendwann in die Dauerausstellung des Museums eingehen.

Das Landesmuseum verfügt laut Direktor Faass über die älteste und bedeutendste Sammlung der Messel-Fossilien. Dazu gehören Exponate von Ameisenbär und Urtapir ebenso wie Pflanzenreste und Insekten. Die Sammlung entstand seit 1874, ist eines der Aushängeschilder des Hessischen Landesmuseums und gilt als ein besonderes Kulturgut des Landes Hessen.

Faass hofft, dass durch die Sonderausstellung wieder mehr Besucher ins Museum kommen. Durch die Corona-Pandemie seien in diesem Juli nur 40 Prozent der Besucher des Vorjahresmonats gekommen – obwohl man auf 12 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche genügend Platz habe, Abstand zu halten. „Ein dramatischer Rückgang“, so Faass, und das ausgerechnet im 200. Jubiläumsjahr des Hauses. Auch derzeit sei bei den Gästen noch eine große Zurückhaltung zu spüren. Dabei sei das Museum „ein toller und sicherer Ort unter Corona“. Von Claudia Kabel

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