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Mit unverbrauchtem Blick

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1905 begann die Besiedlung des Paulusviertels.
1905 begann die Besiedlung des Paulusviertels. © Nikolaus Heiss

Joachim Schmidt schreibt ein bemerkenswertes Buch über das Paulusviertel, die "andere Mathildenhöhe".

In Darmstadt, so scheint es, gibt es über jeden Aspekt des Darmstadtseins und Darmstadttums bereits ein Buch. Doch der Schein trügt. Immer wieder gelingt es, einen unverbrauchten Blick auf diese Stadt zu werfen. Auf geradezu pionierhafte Weise tut dies auch das neue Paulusviertelbuch: Erstmals widmet sich eine Monografie allein einem Darmstädter Stadtviertel.

Der Blick des Autors verrät Neugier und Entdeckerfreude. Das ist um so bemerkenswerter, als Joachim Schmidt 37 Jahre Zeit hatte, über den Paulusplatz hinweg in die benachbarten Gassen zu schauen. So lange nämlich stand er in Diensten der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau, die dort ihren Sitz hat. Der Plan, sich dem Arbeitsplatz literarisch zu nähern, reifte in Schmidts letzten Dienstjahren. Verwirklichen ließ er sich damals nicht – zu zeitraubend war das Tagesgeschäft des Öffentlichkeitsbeauftragten. Der Ruhestand entfesselte dann die Forscherwut. Und entgrenzte den Gegenstand. Nicht mehr nur über die Geschichte des Amtsgebäudes, der einstigen Landeshypothekenbank, häufte Schmidt Erkenntnisse an; bald ging es auch um den Platz und dann um das Quartier, dessen eigenwillige Mitte er bildet. Und schließlich um die Entwicklung der Stadt und ihre Akteure, die um 1900 dieses Wohngebiet planten.

Die „andere Mathildenhöhe“

Anders als etwa die Eberstädter Villenkolonie hat sich hier die Stadt nicht einfach ausgedehnt, mit großbürgerlichen Behausungen angedickt. Das Paulusviertel, so ist bei Schmidt zu lesen, war ein absichtsvoll konzipiertes Projekt, das sich von der zeitgleich inszenierten Jugendstil-Künstlerkolonie abhob und doch ohne sie nicht zu denken war. Quasi „die andere Mathildenhöhe“.

Man hatte gemeinsame Wurzeln: die Abkehr vom Historismus, die englischen Gartenstadtutopien, die Reaktion auf die Verwerfungen der Industrialisierung. Die Antwort der Jugendstilkünstler war: Ästhetisierung aller Lebensbereiche. Die Antwort der „anderen Mathildenhöhe“: gewissermaßen Erdung, Rückbesinnung auf Tradition und Natur. Da spielte der Denkmalschutz eine Rolle, von dem ausgehend sich eine romantisch inspirierte heimatliche Bauweise entwickelte.

Die Protagonisten dieser Richtung arbeiteten zumeist an oder im Umkreis der Technischen Hochschule, so Friedrich Pützer, der die Pauluskirche entwarf, und Paul Meissner, von dem die heutige Kirchenverwaltung stammt. Schmidt porträtiert sie einfühlsam – und daneben auch die Künstler am Bau, die Bildhauer Heinrich Jobst, Karl Killer, Augusto Varnesi und den Maler Otto Linnemann.

Die „andere Mathildenhöhe“ teilte später das Schicksal der eigentlichen: Ihre Gebäude wurden zu 80 Prozent zerstört. Im Paulusviertel blieben kurioserweise gerade jene Häuser verschont, mit denen die Besiedlung um 1905 begonnen hatte – die Villen im äußersten Zipfel von Ohlystraße, Erlenberg und Geißensee. Ein Gang durch die Straßen des Paulusviertels ist auch heute noch einer der Trauer: Wer aufmerksam hinsieht, erkennt überall Reste des Verschwundenen: Torpfosten, Zäune, rustikale Fundamente, knorrige Erker, die in glatten Neubaufassaden stecken.

Vor hundert Jahren rühmte Oberbürgermeister Wilhelm Glässing das „Platzbild von seltener Schönheit“. Dank dem einfallsreichen Engagement der Bürgerinitiative Paulusplatz wird dieses Bild bald wieder zu sehen sein. Erst Schmidts Buch aber – glänzend formuliert, verschwenderisch illustriert – lehrt die Darmstädter, den Wert dieses Ortes zu erkennen. ers

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