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Ungewollt in der neuen Heimat

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In einem Film schildern Asylbewerber ihre Erlebnisse.
In einem Film schildern Asylbewerber ihre Erlebnisse. © Claus Völker

Jährlich werden rund 10.000 Asylbewerber aus Deutschland abgeschoben. Mit ihrem Schicksal haben sich Studenten der Hochschule Darmstadt (HDA) in einer Medieninstallation mit dem Titel „Blackbox Abschiebung“ beschäftigt.

Wenn es früh klingelt, ist es nicht der Milchmann. Den gibt es in Deutschland nicht mehr. Aber noch immer kann es ein Polizeikommando sein. „Eigentlich waren alle noch am Schlafen“, erzählt Ramon, „außer meine Mutter und ich. Die Polizei sagte zu uns: ,Sachen packen. Ihr geht jetzt nach Hause.‘ Ich so: ,Wir sind doch zu Hause!‘“ Eine Minute, die über das Leben Ramons entscheidet, der mit seiner Familie aus dem Kosovo nach Deutschland geflüchtet war, hier Kfz-Techniker werden wollte. Nun wird er in ein Land geschickt, von dem die Polizisten glauben, es sei seine Heimat. Tatsächlich ist es die Fremde.

Jährlich werden rund 10?000 Asylbewerber aus Deutschland abgeschoben. Hinzu kommen 8000 Flüchtlinge, die schon bei der Einreise abgewiesen werden. Mit ihrem Schicksal haben sich jetzt Studenten der Hochschule Darmstadt (HDA) beschäftigt.

Sarah Kusch studiert Soziale Arbeit an der HDA. Das Thema der vergangenen Wochen war „Methoden rassismuskritischer Bildungsarbeit“. Mit sieben Kommilitonen gestaltete sie die Medieninstallation „Blackbox Abschiebung“, die nun während der Studienprojektwoche gezeigt wird. In der Adelungstraße 52 haben die Studenten einen Seminarraum als deutsches Wohnzimmer eingerichtet. Sitzgruppe mit Couchtisch, sauber und gemütlich. Doch den Weg dorthin verwehrt ein rot-weißes Flatterband, wie es die Polizei bei Absperrungen verwendet. Von der Absperrung zur Abschiebung ist es auch sprachlich nicht weit. „Diese Installation soll symbolisieren, was die Flüchtlinge erreichen wollen und so doch nie erreichen werden“, erklärt Sarah Kusch. Nämlich das ganz normale Leben.

Fünf Quadratmeter für jeden

Am anderen Ende des Raums ist eine karge Zelle aufgestellt, fünf Quadratmeter groß – so viel Platz, steht einem Flüchtling im Sammellager zu. Ein Dokumentarfilm von Ralf Jesse ist zu sehen, der beispielhaft den Weg von neun Asylbewerbern zeigt – das, was sie in Deutschland erlebt haben, und das, was sie im Herkunftsland erwartet.

Sarah Kusch kennt diese Berichte aus erster Hand, denn sie arbeitet ehrenamtlich beim Sozialkritischen Arbeitskreis, dessen Sozialarbeiter in Alsbach-Hähnlein ein Wohnheim für hundert Flüchtlinge betreuen. Die Ehrenamtlichen helfen mit, und es gibt viel zu tun. Kleider sammeln, säubern und sortieren. „Manche Menschen haben schlicht nichts, wenn sie hierher kommen“, sagt sie. Spenden werden gebraucht, alle Dinge des Alltags.

Wohnheime liegen häufig am Stadtrand, im Industriegebiet, im Wald. Abgegrenzt, ausgegrenzt. „Abschiebungen werden von der Öffentlichkeit ja gar nicht wahrgenommen“, sagt Kusch. Jüngst hätten am Frankfurter Flughafen dreihundert Menschen gegen die Abschiebepraxis demonstriert. „Am selben Tag gab es dort eine Demo gegen Fluglärm, da kamen 10?000. Klar, da geht es um die eigene Betroffenheit.“

Doch gerade dann, wenn die Abschiebung Familien betrifft, die schon seit langem und gut integriert in Deutschland leben – wie die vielen Kosovaren, die jetzt ausgewiesen werden –, gibt es eben auch Initiativen deutscher Nachbarn, der Schulen, der Kirchengemeinden, die sich für die Betroffenen einsetzen. Solches Engagement zu unterstützen, darauf zielt die Projektarbeit der Studenten. (ers.)

Die Installation „Blackbox Abschiebung“ ist heute noch bis 13 Uhr im HDA-Gebäude E?10, Adelungstraße 51, Raum R?211, zu sehen.

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