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Ein unbequemer Schüler

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Jedes Kind soll, aber nicht jedes darf eine Schule besuchen.
Jedes Kind soll, aber nicht jedes darf eine Schule besuchen. © dpa

Ein achtjähriger Junge in Darmstadt verweigert den Schulbesuch. Seine Eltern sind verzeifelt, seine Lehrer wissen nicht mehr weiter. Die Inklusion stößt in seinem Fall an ihre Grenzen.

Seit einem Jahr hat in Deutschland jedes Kind einen Rechtsanspruch auf gemeinsames Lernen – Inklusion. Doch um das Kind im Rollstuhl geht es dabei nur am Rand. Meist sind es lernbehinderte oder verhaltensauffällige Schüler, die die größte Herausforderung darstellen. Wenn gar nichts mehr geht, dürfen sie nicht mehr zur Schule. So wie Alex aus Darmstadt.

Während tausende Grundschüler derzeit ihr Einmaleins büffeln, spielt der neunjährige Alex (alle Namen geändert) zu Hause. Eigentlich müsste er in die dritte Klasse gehen. Doch seit Februar hat er kein Klassenzimmer mehr von innen gesehen. Alex ist „ausgeschult“ worden. Die Eltern sind verzweifelt und fühlen sich im Stich gelassen. Dabei hatte alles gut begonnen. Der kleine Junge mit dem blonden Wuschelkopf ging gern in den Kindergarten, besuchte die Vorklasse und wurde eingeschult. Doch schon nach sechs Wochen erhielt die Mutter immer häufiger Anrufe von der Grundschule, sie möge ihr Kind sofort abholen.

Verzweifelte Eltern

Auf den Leistungsdruck und die Mitschüler reagierte Alex auf seine Art: Er verschränkte die Arme und verweigerte sich. Zuweilen wollte er das Klassenzimmer überhaupt nicht betreten. Sein kürzester Schultag dauerte 20 Minuten. Wenn kein gutes Zureden hilft, sind selbst gestandene Lehrer bald am Ende mit ihrem Latein. Auch die Mitschüler leiden unter der Situation.

„Kreative Störversuche“ nennt Psychologin Susanne Weber das Verhalten des Kindes. „Alex wollte nach Hause, und als er merkte, dass es ihm auf diese Art glückte, ließ er sich immer neue Störmanöver einfallen.“ Der Junge sei „normal intelligent“, sagt sie, und gut in Mathematik. „Doch wenn er etwas nicht will, stößt man bei ihm auf Granit.“

Ihrer Meinung nach hat die Grundschule „einigermaßen versagt“. Denn: „Es ist das völlig falsche Signal, jemanden heimzuschicken, nur weil er keine Lust hat.“ Das Thema Schule sei mittlerweile verbrannte Erde – der Start ins Leben für dieses Kind schiefgegangen.

An ihrem Arbeitsplatz bekam Alex’ Mutter immer mehr Ärger. Zugleich konnte sie ihr Kind nicht allein zu Hause lassen. Die Betreuungsfrage verschärfte sich, als Alex auch den Hort nicht mehr besuchen durfte, weil er das Essen verweigerte. Jugendamt, und Jugendhilfe rieten den Eltern, eine Tagesmutter einzustellen. „Das können wir finanziell nicht stemmen“, erklärt der Vater.

Unregelmäßiger Einzelunterricht

Ratlos blättert die Mutter in dem dicken Aktenordner: Am 1. Februar verordnete die Grundschule das Aussetzen des Schulbesuchs für 14 Tage. Am 13. Februar verfügte das Schulamt das Aussetzen der Beschulung bis zum 22. März. Die Familie strich ihren Osterurlaub und wartete auf Nachricht. Am 8. Mai kam die Mitteilung, Alex erhalte stundenweise Einzelunterricht. Dieser fand ab 23. Mai unregelmäßig statt. Seither organisiert die Familie den Alltag täglich neu. Mit Hilfe von Freunden, Nachbarn und Verwandten.

Jüngst gab es beim Schulamt Darmstadt zum Fall Alex einen Runden Tisch. Dort wurde den Eltern geraten, Antrag auf sozialpädagogische Familienhilfe zu stellen. Da die Familie demnächst raus aufs Land zieht, wurde der Wechsel an eine andere Grundschule in Aussicht gestellt. Zunächst auf Probe, in Begleitung eines Förderschullehrers. Doch der muss erst gefunden werden.

Wann Alex wieder ein Klassenzimmer von innen sieht, weiß derzeit niemand. Sämtliche Stellen blocken ab. Auch das zuständige Schulamt Darmstadt. „Einzelfälle werden mit der Presse nicht thematisiert“, erklärt Amtsleiter Ralph von Kymmel. ers

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