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Unbequeme Thesen zu Neubaugebieten

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Von: Frank Sommer

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Plädierte bei der Stadtakademie für eine Diskussion um Wohnungsbau: Peter Cachola Schmal.
Plädierte bei der Stadtakademie für eine Diskussion um Wohnungsbau: Peter Cachola Schmal. © Monika Müller

Architekt und Ausstellungsmacher Peter Cachola Schmal über die Notwendigkeit neuer Stadtteile.

Wenn heute ein Stadtteil wie Kranichstein gebaut werden müsste, würden dutzende Bürgerinitiativen Sturm laufen und für den Erhalt des Kuckucks oder der Bäume kämpfen – der Stadtteil könnte nicht gebaut werden, obwohl diese Anzahl an Wohnungen dringend benötigt wird.“ Es sind unbequeme Thesen und Aussagen, mit denen Peter Cachola Schmal die Zuhörer am Dienstag bei der zweiten Veranstaltung der „Making Heimat“-Reihe der Evangelischen Stadtakademie konfrontiert.

Wie schon bei der Auftaktveranstaltung vergangene Woche mit Migrationsforscher Jochen Oltmer ist es Stadtakademie-Leiter Franz Grubauer erneut gelungen, einen prominenten Redner zu gewinnen, der zur Beschäftigung mit festgefahrenen Denkmustern anregt. Denn auch wenn manch ein Zuhörer nicht mit den Thesen Schmals übereinstimmt, die Notwendigkeit einer eingehenden Beschäftigung mit dem Thema Wohnungsbau steht außer Frage.

Die Ausstellung „Making Heimat“ des Architekten und Museumsleiters Schmal bei der Biennale in Venedig und später im Frankfurter Architekturmuseum stand Pate für die Veranstaltungsreihe der Stadtakademie. „Wir werden die Flüchtlingsfrage nicht lösen, wenn wir nicht zuerst die Wohnungsproblematik lösen“, sagt Schmal. Ausgangspunkt für seine Ausstellung und die Thesen ist das Buch „Die neue Völkerwanderung – Arrival City“ von Doug Saunders.

Das Problem der Ankuftsstädte

„Ankunftsstädte“ würden gebraucht, dort vollziehe sich im besten Fall Integration. Doch dafür brauche es staatliche und gesellschaftliche Unterstützung, sonst drohe diesen Städten der Niedergang. „Offenbach mit seinen 158 Nationen hat im Rhein-Main-Gebiet die Funktion einer Arrival City“, sagt Schmal. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass nach erfolgter Integration die neuen Bürger oft die Ankunftsstädte verließen und sich in der Umgebung niederließen – die von den Ankunftsstädten erhofften Steuerzahlungen gingen somit später an andere Kommunen.

An die Politik gerichtet forderte Schmal ein Umdenken: „Wer glaubt, dass Flüchtlinge dünn besiedelte Landregionen retten könnten, irrt“, sagt der 57-Jährige. Diese ziehe es in große Städte. „Einwanderer suchen ihre Chance in der städtischen Dichte, nicht auf dem flachen Land.“ Für die Politik hieße das, dass der ländliche Raum mit gezielten Programmen gefördert werden müsse, um Verödung zu begegnen.

In den Großstädten mangele es allerdings an Wohnraum. „Es gibt kaum noch Platz zum Bauen, daher muss eine Verdichtung erfolgen“, sagt Schmal und wirbt dafür, Dichte als Chance zu begreifen. „Bei Dichte habe ich Bauchweh, denn in der Vergangenheit wurden wichtige Frischluftschneisen für die Städte zugebaut“, sagt eine Besucherin. Das stimme, deshalb sei bewusstes Bauen nötig. „Obwohl zehntausende Wohnungen fehlen, neigen Städte dazu, nur Einfamilienhäuser zu planen - ich warte auf den, der den Mut hat, einen neuen Stadtteil wie Kranichstein zu planen“, sagt Schmal.

Allerdings würden sich bei Bauvorhaben wie jüngst zwischen Frankfurt und Steinbach hauptsächlich die Gegner solcher Vorhaben zu Wort. „Das Problem: Durch eine lautstarke Minderheit kann kaum noch gebaut werden, das Bauen wird somit sehr teuer und dennoch soll möglichst ‚bezahlbares Wohnen für alle‘ entstehen“, sagt er. Ein rein deutsches Problem sei das aber nicht, auch in den USA gebe es dieses Phänomen, etwa im Silicon Valley. „In New York dagegen freuen sich die Menschen, wenn 20 000 neue Wohnungen entstehen – das nimmt Druck aus dem Markt.“

Auch auf die Frage eines Besuchers nach Schmals Einschätzung von Spekulationen oder Investmentfonds hat der 57-Jährige eine für viele unbequeme Antwort parat. „So lange es eine Null-Zins-Politik gibt, wird es Spekulation mit Wohnungen geben“, sagt er, für Rentenrücklagen oder Stiftungen sei dies momentan unvermeidbar.

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