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Unabhängig durch Radfahren

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Jörg Ruf und Nicole Matheis (Mitte) kümmern sich in Griesheim darum, dass Migrantinnen das Fahrradfahren erlernen.
Jörg Ruf und Nicole Matheis (Mitte) kümmern sich in Griesheim darum, dass Migrantinnen das Fahrradfahren erlernen. © hau

Migrantinnen lernen die Fortbewegung auf dem Drahtesel.

Fahrrad fahren, das kann doch jeder, meint man gemeinhin. „Von wegen! Viele Menschen können es nicht“, erklärt Fahrradlehrerin Nicole Matheis vom Migrantinnenverein Magnolya. Vor allem Migrantinnen hätten als Kinder aus unterschiedlichen Gründen nicht die Möglichkeit gehabt, das Radfahren zu erlernen.

Nicole Matheis ist seit mehr als 15 Jahren in der Integrationsarbeit tätig und hat immer nach Wegen gesucht, Frauen dabei zu unterstützen, „ihren Weg zu gehen“. „Radfahrkurse gehören zu den effektivsten Integrationskursen“, weiß sie. Wer Fahrrad fährt, sei mobil und unabhängig. Außerdem steige in den Kursen die Sprachkompetenz und Kommunikationsfähigkeit, das Selbstbewusstsein werde gestärkt und die Selbstwahrnehmung und das Körperbewusstsein veränderten sich. Letztendlich hätten die Teilnehmerinnen durch mehr Mobilität, Kommunikationsfähigkeit und Selbstvertrauen bessere Chancen auf soziale und berufliche Integration.

Steigendes Selbstvertrauen

„Es war mein Traum, Fahrrad zu fahren. In meiner Heimat Palästina dürfen das nämlich nur die Männer“, erklärt Nura mit leuchtenden Augen. Sie lebt bereits seit 14 Jahren in Deutschland, hat aber jetzt erst von dem Kurs gehört und sich auch sofort angemeldet. „Gott sei Dank! Jetzt habe ich es geschafft. Alles ist okay, ich bin nicht runtergefallen. Nicole ist eine gute Lehrerin mit einem guten Plan“, lobt die Palästinenserin.

„Ich habe das Radfahren immer mit Männern probiert, aber nicht geschafft“, erzählt Fatima, die vor 16 Jahren aus Eritrea nach Griesheim kam. „Dank an die Leute, die die Idee hatten“, sagt sie und wendet sich spontan an Jörg Ruf, der vor einem Jahr die Initiative ergriffen, Spenden geworben und die Protagonisten zusammengebracht hat.

Aster aus Eritrea schildert die ersten Fahrversuche auf dem TuS-Sportgelände. Zuerst habe die Frauengruppe mit Rollern, später mit kleinen Rädern geübt und sich so Schritt für Schritt an das zweirädrige Fortbewegungsmittel gewöhnt. „Nach vier Tagen habe ich nicht mehr gewackelt“, berichtet sie stolz. Bewegungsangebote zu aktivieren, das sei etwas ganz anderes als immer nur zusammenzusitzen und zu reden, sagt Nicole Matheis.

Ihr Kurs basiere auf dem Prinzip des sich selbstentfaltenden Lernens, wobei viele kleine Übungen schließlich zum Erfolg führen. „Das praktische Fahren ist das Ziel“, macht sie deutlich. Deswegen ist sie mit den acht Migrantinnen außer auf dem Sportgelände nur auf Feldwegen in der Gemarkung unterwegs gewesen.

Das Erlernen der Verkehrsregeln müsse in einem weiteren Kurs erfolgen. Die Teilnehmerinnen, die als Nächstes gerne einen Schwimmkurs absolvieren möchten, sind richtig aufgeblüht. „Bis Morgen zum Picknick“, rufen sie sich zu und freuen sich über die gewonnene Unabhängigkeit. (eda)

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