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Umstrittener Kreisel

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Die Bauarbeiten im Norden Eberstadts beginnen. Die Anwohner sind skeptisch. „Der Kreisel, der jetzt hier gebaut wird, ist überflüssig“, wettert Wolfgang Korthals, ein Pensionär, der selbst mal Verkehrsplaner war.

Im Norden Eberstadts haben am Montag die Arbeiten an dem Kreisel begonnen, der Heidelberger Landstraße und Reuterallee ampelfrei verknüpfen soll. Die Maßnahme ist bei den Eberstädtern weiterhin umstritten.

Eine kleine Maschine robbt langsam die Heidelberger Landstraße hinauf. Das Ding ist gelb und laut – ein typisches Tiefbauaggregat. Es frisst die Fahrbahnmarkierungen weg. Ohne die Gravur Aberhunderter weißer Streifen wirkt die Verkehrsfläche, um die es hier geht, noch überdimensionierter als ohnehin schon. Ergebnis von Planungen aus einer lang zurückliegenden Zeit.

„Der Mittelstreifen dort, der jetzt wegen der Baustelle abgesperrt ist“, ruft Bernd Hoffmann, ein, „engagierter Eberstädter“, wie er sich selbst nennt. Eine fette Schraffur spreizt sich zwischen auseinanderschwenkenden Fahrbahnen. „So ein breiter Streifen, und all die Jahre hat er nie einem Zweck gedient.“ Man war also schon mit dem bisherigen Zustand nicht so zufrieden. Nun ist ein Dutzend Bürger am Montagmorgen an den nördlichen Eingang Eberstadts gekommen, um den Anfang des Umbaus zum Kreisel in Augenschein zu nehmen.

Erste Debatten vor knapp 20 Jahren

Die Gruppe ist sich einig in der Ablehnung des Geschehens. Und einig im Grund der Ablehnung: „Der Kreisel, der jetzt hier gebaut wird, ist überflüssig“, wettert Wolfgang Korthals, ein Pensionär, der selbst mal Verkehrsplaner war. „Man baut Kreisel, wenn mit ihrer Hilfe der Verkehrsfluss zügig und sicher werden soll. Aber das ist der Verkehrsfluss hier bereits.“

Den Eindruck kann man gewinnen, wenn man eine Weile zuschaut. Ab und an rollt aus Norden eine schüttere Karawane von Pkws an, einige Autos verlieren sich rechts in der Reuterallee, ein paar tropfen geradeaus hinab in Eberstadts Ortsmitte. Und alle fünf Minute biegt ein Wagen aus der Katharinenstraße.

Fast möchte man glauben, hier sei bereits erfolgreich Verkehrsberuhigung vollzogen worden. Doch der Frieden täuscht. Kein anderes, heute noch aktuelles Straßenbauprojekt ist so umstritten wie dieses. Und zwar seit den ersten Debatten vor knapp 20 Jahren. Wechselweise waren fast alle Parteien schon mal dafür – und dagegen.

Die Grünen zum Beispiel lehnten das Projekt zunächst ab; ihr Baudezernent Hans-Jürgen Braun sagte 1998, ein Kreisel an dieser Stelle sei „vom Verkehrsablauf her unmöglich“ und „aus städtebaulicher Sicht Unsinn“. Die SPD wiederum wollte den Kreisel seinerzeit.

"Nicht nachvollziehbar“

Inzwischen haben die Grünen mit der CDU den Kreiselbau beschlossen – im November im Magistrat, im Dezember im Stadtparlament –, und es ist die SPD, die gegen das Vorhaben protestiert. Das tut am Montagmorgen Oliver Nott, der seinen Unmut tapfer in den eisigen Wind hinausspricht: „Wir sind schon 2004 ausgestiegen, weil damals die Kosten zu explodieren begannen.“

Tatsächlich waren, als die Debatte so richtig losging, die Kosten für den Kreisel auf 75 000 Euro geschätzt worden (1998). Fünf Jahre später war man bei 450 000 Euro angelangt (2003). Weitere vier Jahre später teilte die CDU mit, „der Kreisel finanziert sich von selbst“, ohne Beträge zu nennen (2007). Im Dezember 2014 gab die Stadt die Kosten dann mit 850 000 Euro an; von einem „fünfstufigen Ausbauplan“ war die Rede.

Die Bürger, die am Montagmorgen Stufe eins besichtigen, schütteln mehrheitlich den Kopf. „Ich frag mich, ist das alles immer noch gut, was mal beschlossen wurde“, sagt der eine. „Es hieß, die Ampeln kommen weg, aber sie werden weiter gebraucht für die Kinder, die zum Kindergarten gehen“, sagt der nächste. „Heute sieht man, wenn man aus der Stadt kommt, schon einen Kilometer vorher das Rotlicht und kann seine Fahrweise drauf einstellen“, sagt der Dritte. „Es ist einfach nicht nachvollziehbar“, sagen alle.

Und was sagt die Stadt? Man fühle sich „zur Kontinuität verpflichtet“; die Realisierung des Kreiselplans „geht auf einen über Jahre geäußerten Wunsch der Eberstädter zurück“, heißt es von dort. (ers)

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