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Umstrittene Inschrift

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Ein Denkmal am Darmstädter Schloss erinnert auch an Wehrmachtseinheiten, die in Stalingrad kämpften. Das sorgt nun für Ärger.

Ist ein Denkmal zu Ehren der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten in einer deutschen Stadt im 21.?Jahrhundert noch wünschenswert? Ein Anstoß von außerhalb gibt Anlass, über das Leibgardistendenkmal gegenüber dem Landesmuseum nachzudenken, geschaffen von Heinrich Jobst, dem Schöpfer auch der Löwen am Museum, enthüllt 1928.

Simon Winder, Cheflektor des britischen Penguin-Verlags, hat ein Übersichtswerk von der Antike bis zur Nazi-Machtergreifung geschrieben, das unter dem Titel „Germany, oh Germany – ein eigensinniges Geschichtsbuch“ im Rowohlt-Verlag erscheint.

Winder war auch in Darmstadt. Bei der Suche nach historischen Monumenten stieß er auf das Denkmal aus der Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg. In seinem Buch schildert er „die schöne Statue eines knurrenden Löwen, dem eine gebrochene Lanze in der Brust steckt (von vorn, immerhin). Die bizarre Entscheidung, diesem Denkmal die Namen der Schlachtfelder von 1939 bis 1945 einzumeißeln, hat es unwiderruflich ruiniert – die kollektive, fast ausschließlich militärische Katastrophe des ersten Kriegs wird hier mit den Massakern an der Zivilbevölkerung und dem Völkermord des zweiten vermengt.“

Die Inschriften am Denkmal erinnern außer an Schlachten des Ersten Weltkries auch an drei Einheiten der deutschen Wehrmacht aus dem Zweiten Weltkrieg: die Infanterieregimenter 115, 226 und 485.

Die beiden Letztgenannten nahmen auch am Feldzug in die Sowjetunion teil. Das Ergebnis des Mordens dort ist bekannt. Die deutschen Truppen in Stalingrad wurden dezimiert, zurückgedrängt, schließlich eingekesselt und aufgerieben. Hunderttausende starben. Die Sinnlosigkeit solcher Opfer in Kriegen gibt seit Jahrhunderten zu Betrachtungen Anlass. Simon Winder aber bemisst den Ereignissen von 1939 bis 1945 noch eine andere Dimension bei. Die Diskussion über die Verantwortung der Wehrmacht für Kriegsverbrechen und Völkermord beim Sowjetunion-Feldzug ist zuletzt in den 90er Jahren im Zusammenhang mit der Wehrmachtsausstellung mit großer Heftigkeit geführt worden. Wehrmachtsoldaten waren an Massenerschießungen jüdischer Dorfbewohner vom Säugling bis zum Greis beteiligt. Zahlreiche Fälle sind dokumentiert, wenn sich auch gewiss nicht alle an solchen Monströsitäten beteiligten.

Waren Angehörige der Infanterieregimenter 115, 226 oder 485, denen das Darmstädter Denkmal gewidmet ist, unmittelbar in Kriegsverbrechen verstrickt? Darüber liegen keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse vor. „Damit hat sich noch niemand speziell auseinandergesetzt“, erklärt der Leiter des Stadtarchivs, Peter Engels.

Dokumente belegten allerdings, dass das Leibgardistendenkmal schon bei seiner Errichtung umstritten war. „Der Löwe ist ja auch ziemlich martialisch“, findet Engels, „und verkörpert eine reichlich reaktionäre Haltung.“

Distanziert äußerte sich Oberbürgermeister Ludwig Engel nach Kriegsende. „Das Denkmal soll nicht den Geist kriegerischen Angriffs vermitteln“, befand er anlässlich eines Treffens von Regimentsveteranen, „sondern der tief verletzte Löwe bringt den Schmerz über die Opfer zum Ausdruck, die von uns gefordert wurden.“

Die Bezüge zum Zweiten Weltkrieg wurden erst 1958 hinzugefügt. Das Darmstädter Tagblatt vermerkte bei der Einweihung: „Die Inschriften symbolisieren den großen Kampf, die große Treue und das große Sterben der Soldaten des letzten Kriegs. Besser als durch die schlichten Tafeln mit den kommentarlosen Namen könnte die Leistung der Soldaten nicht charakterisiert werden.“

„Die Leistung der Soldaten“ in Hitlers Angriffskrieg? „Denkmäler sind nie zeitgemäß“, sagt dazu der städtische Denkmalschützer Nikolaus Heiss. „Sie sind immer Ausdruck ihrer eigenen Zeit und erzählen davon.

Nun ist Darmstadt voll mit Straßenschildern und Denkmälern für blaublütige Personen, die aus heutiger Sicht ein ehrendes Gedenken gewiss auch nicht in allen Fällen rechtfertigen würden. So ändert sich in der Tat der Blick auf die Geschichte. Dennoch hinterlässt die in Stein gemeißelte, unkommentierte Ehrung der „tapferen Söhne“ von Infanterieregimentern und ihres Wirkens vor Kiew, Smolensk, Moskau oder Stalingrad nicht nur bei einem an Deutschland interessierten Briten ein schales Gefühl.

Vielleicht, so überlegt der Denkmalschützer, könne man die Gedenkstätte am Schlossgraben „modifizieren“, etwa um eine erklärende Zusatztafel ergänzen. Eine Entscheidung darüber sei Sache der Politik. ( bad)

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