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Im Umgang mit dem Fremden

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Kultur ist vielschichtig: Darmstädter Jobcenter-Mitarbeiter und Referenten im Gespräch.
Kultur ist vielschichtig: Darmstädter Jobcenter-Mitarbeiter und Referenten im Gespräch. © Claus Völker

In Darmstadt sind einige der Jobcenter-Angestellten in einer eintägige Fortbildung in dem Thema „Interkulturelle Kompetenz am Arbeitsplatz“ geschult worden. Hauptzeil ist es, Probleme nicht mehr kulturalisieren und die Sichtweite der Mitarbeit zu erweitern.

Daniela Prützel ist in ihrem Beruf oft besonders gefordert. Sie arbeitet beim Jobcenter Darmstadt und ist dort für Leistungsforderungen zuständig. Zu ihr kommen also Menschen, die etwas wollen. Oder etwas nicht bekommen, was sie brauchen.

Da steht zum Beispiel jemand vor ihr, dem der Strom abgestellt wurde. „Die Kunden können sehr fordernd sein, und es sind einem so’n bisschen die Hände gebunden“, erzählt sie. „Die denken alle, das geht von jetzt auf gleich, ihr Problem zu lösen.“ Doch dem ist oft nicht so. „Und die gehen dann unbefriedigt wieder weg.“

Daniela Prützel geht künftig womöglich anders in solche eine Situation und auch ein bisschen anders wieder hinaus. Sie ist eine von zig Jobcenter-Angestellten, die die eintägige Fortbildung „Interkulturelle Kompetenz am Arbeitsplatz“ mitgemacht haben. Sie hat sich unter anderem damit beschäftigt, was Kultur ist, was sich hinter dem Begriff Migrationshintergrund verbirgt und wie sehr Erfahrungen den zwischenmenschlichen Umgang prägen.

Die Referenten gingen dabei von einem modernen Kulturbegriff aus, wie sie im Gespräch erläutern. „Mit folkloristischen Modellen kommt man nicht weit in einer vielfältigen Stadtgesellschaft“, betont Rüdiger Hausmann vom Paritätischen Bildungswerk in Frankfurt.

„Den Türken an sich gibt es nicht.“ Das ist die Erkenntnis, die vermittelt werden soll. „Die Mitarbeiter haben sehr oft mit prekären Milieus zu tun“, erläutert Claudia Khalifa, Geschäftsführerin der Beratungsstelle „Verband binationaler Familien und Partnerschaften“ in Frankfurt. „Wir neigen dazu, Probleme zu kulturalisieren.“ Dies gelte es, aufzulösen. „Wir wollen den Blick für die Vielfalt öffnen.“

Und da gab es jede Menge Aha-Erlebnisse, wie Teilnehmer und Trainer berichteten. „Zum Beispiel mit der Pünktlichkeit“, sagt Khalifa. Die werde von Deutschen oft mit Zuverlässigkeit und Respekt gleichgesetzt. Sie aber wollten vermitteln, dass es auch andere Sichtweisen geben kann. „Es geht einfach nur um verschiedene Konzepte und Prägungen, und die kann man nicht nur der Herkunft zuordnen.“

Personen statt Schubladen

Vielmehr spielten neben der kulturellen Dimension in der Kommunikation auch andere Aspekte eine Rolle, wie das Bildungsgefälle, Fremdbilder oder bestimmte Kollektiverfahrungen als Teil einer Gruppe. Konkrete Handlungsinstrumente gaben die Referenten den Teilnehmern dabei nicht an die Hand. Aber Modelle, mit denen sie sich Rollen mehr bewusst machen und ihr Tun reflektieren können.

Das kam gut an. „Ich nehme mit, dass man Schubladen mehr beachtet und die Person dahinter sehen sollte“, bilanziert Petra Bauer. „Dass nicht alles so klar ist, wie ich es voraussetze, und ich mich deutlich ausdrücken und auch nachfragen muss“, stellt Angelika Sternberg fest. Sie lasse Dinge mehr auf sich zukommen und strebe grundsätzlich an, auf Augenhöhe zu kommunizieren. Das nimmt Daniela Prützel mit. Und: „Dass vieles in der Kultur und im Glauben begründet liegt.“

Aha-Effekte gab es auch auf Seiten der Referenten – und zwar mit Blick auf die Jobcenter-Mitarbeiter. „Es gibt dort eine sehr große Vielschichtigkeit“, stellt Claudia Khalifa fest. Doch auch da gilt: Den Verwaltungsmenschen an sich gibt es nicht.

Deutlich geworden ist den Referenten auch, dass den Jobcenter-Sachbearbeitern im Alltag oft die Zeit fehlt, die für eine gelungene interkulturelle Kommunikation und Öffnung nötig ist. Das sei schwer, wenn man in zwei Stunden 150 Menschen empfangen und durchschleusen müsse. Aber dass die Stadt Darmstadt eine solche Schulung vornimmt, wird als wichtiger Schritt bewertet. aw

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