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Überraschung im Sandstein

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Das Bild der Justitia im Landgericht bleibt erhalten.
Das Bild der Justitia im Landgericht bleibt erhalten. © Roman Grösser

Die Sanierung des Gerichtsgebäudes am Mathildenplatz dauert länger als geplant. Denn erst jetzt wurde entdeckt: Die Fassade des in den 1870er Jahren errichteten Baus ist höchst brüchig. Wichtige Unterlagen aus dieser Zeit sind verschollen.

Es wäre nicht nur unangenehm, es wäre lebensgefährlich: Wenn Sandsteinbrocken, vielleicht gar zentnerschwere Sandstein-Fassadenplatten aus Dachgeschosshöhe auf den Bürgersteig oder die Fahrbahn am Mathildenplatz stürzen sollten. Diese Gefahr bestehe, wenn man untätig bliebe, erklärt Christa Venzago.

Die Bauleiterin vom Darmstädter Architekturbüro Rittmannsperger erklärt: „Das Dachgeschoss des alten Landgerichtsgebäudes ist in den 50er Jahren draufgesetzt worden. Die Fassade ist mit sechs Zentimeter dicken Sandsteinplatten verkleidet. Für die Aufhängung wurde kein Edelstahl verwendet, sondern normaler Stahl, der irgendwann rostet. Durch die Korrosion vergrößern sich die Stahlelemente und können dadurch Stein wegsprengen. Im Extremfall fällt die ganze Platte herunter.“

Die Fassadenaufhängung, die mittelfristig zum Risikofaktor werden könnte und daher erneuert werden muss, gehört zu den Überraschungen, die fast zwangsläufig auftauchen bei einem Projekt wie diesem: der grundhaften Sanierung der jeweils über hundert Jahre alten Stammsitze von Land- und Amtsgericht Darmstadt am Mathildenplatz. Im Februar 2009 haben die Arbeiten begonnen.

Inzwischen steht fest, dass der ursprünglich angepeilte Schlusstermin zum Ende des Jahres nicht gehalten werden kann. „Der Zeitplan ist ordentlich aus den Fugen geraten“, gibt Venzago zu. Ursache für die Verzögerung sind Probleme wie jenes mit den Fassadenplatten am Landgerichtsgebäude, die vorher nicht absehbar waren. „Das Problem hatte keiner auf der Rechnung – wir wollten eigentlich nur das Dach dicht machen.“

Die Unterlagen aus der Bauzeit des Gebäudes in den 1870er Jahren seien verschollen, sagt Venzago. „Wahrscheinlich ist das meiste im Krieg vernichtet worden. Das Haus ist seither auch durch mehrere Hände gegangen. Es gibt zwar noch ein Baubestandsbuch mit schönen Ansichten – aber nichts darüber, wie das baulich gemacht worden ist.“

So staunten die Sanierer, als sie bis in den zweiten Stock hinauf unter dem Putz auf Bruchsteinmauern stießen. „Das zieht sich durch große Teile des Gebäudes“, sagt die Bauleiterin. „Es dauert lange, durch eine solche 60 Zentimeter dicke Wand eine Türöffnung zu brechen.“ Stein für Stein müsse dafür abgestützt werden.

Von Anfang an war hingegen klar, dass beide reichhaltig mit Treppen ausgestatteten Gründerzeit-Gebäude behindertengerecht ausgestattet werden sollten. Im Hof des alten Landgerichts entsteht dafür ein Glasaufzug.

Treppenstufen sind abgelaufen

Komplett erneuert werden Elektrik und Datenleitungen – was auch nicht immer einfach vonstatten geht. Viele vorhandene Leitungen sind nirgendwo dokumentiert, können aber nicht einfach gekappt und herausgerissen werden, weil beispielsweise im Keller des Amtsgerichts ein Computerserver für alle Darmstädter Justizbehörden arbeitet. Weitere Kabel und Rohre, deren Herkunft zunächst geklärt werden musste, verlaufen von außen durch die Gebäude.

Eine große Rolle bei der Sanierung spielt auch der Brandschutz. In die Gebäude wird ein dichtes Netz von Brandmeldern eingebaut; zudem werden neue Fluchtwege eingerichtet, etwa indem im Amtsgericht mit seinem zentralen Lichthof zwischen allen Büros auf den oberen Ebenen Verbindungstüren geschaffen werden.

Immerhin liege für dieses Gebäude noch ein alter Baubericht vor, freut sich Venzago. Auch berge die Bausubstanz des 1906 eröffneten Hauses weniger unliebsame Überraschungen. Hier wurde Kalkstein verbaut, „der ist in relativ gutem Zustand“ – anders als etwa die abgelaufenen Sandstein-Treppenstufen im Landgericht. Im Juni oder Juli nächsten Jahres, so hofft Venzago, können die Gerichtsmitarbeiter die historischen Gebäude wieder beziehen. Mehr als die veranschlagten 7,3 Millionen Euro für beide Häuser werden bis dahin auf jeden Fall ausgegeben.( bad)

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