1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Trost und Pflaster

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Christiane Kraft verbindet die Wunde eines Patienten.
Christiane Kraft verbindet die Wunde eines Patienten. © Claus Völker

Die Gesundheitsambulanz der Teestube versorgt seit 15 Jahren kranke Wohnungslose in Darmstadt.

Michael kommt schon so lange in die Teestube, dass er sie noch aus der Kiesstraße kennt. Seit 18 Jahren ist die Anlaufstelle für wohnungslose Menschen in der Alicenstraße in Darmstadt untergebracht. Michael ist regelmäßiger Patient der Gesundheitsambulanz.

Er hat Neurodermitis und leidet an Krampfanfällen. Baden kann er nirgendwo und darf das auch nicht alleine, weil er womöglich einen Krampf erleidet und sich verletzen oder gar ertrinken könnte. Michael ist froh, dass Krankenschwester Christiane Kraft so regelmäßig nach ihm sieht. „Sie hilft mir, auch psychisch“, sagt er. „Damit ich nicht auf dumme Gedanken komme.“ Er kämpfe noch immer mit dem Verlust seiner Frau vor einem Jahr. „Ich kann wirklich froh sein, dass es sowas gibt.“

Die Gesundheitsambulanz gibt es seit 15 Jahren. Im Jahr wird sie rund 2500 mal kontaktiert, berichtet Sozialarbeiterin Ibolya Reti. Zweimal im Monat kommen die Ärzte Axel Kunz und Uta Glaubitz-Kröh und halten eine kostenlose Sprechstunde ab.

Schnelle Hilfe

Krankenschwester Kraft notiert Fortschritte oder Rückschläge jedes Patienten, erfragt bestehende Krankheiten und frühere Behandlungen und nimmt, falls erforderlich, Kontakt zu weiteren Ärzten oder Krankenhäusern auf. Umgekehrt kontaktieren auch Krankenhäuser sie, um die Anschlussbehandlung entlassener Patienten sicherzustellen.

Eigentlich hat die Ambulanz um 14 Uhr schon zu. Als aber ein weiterer Besucher entdeckt, dass die Tür zu dem Behandlungsraum offensteht, nutzt er die Gelegenheit, sich eine Schnittwunde verbinden zu lassen. Nicht seine erste. Er zeigt Christiane Kraft seine fast 40 Zentimeter lange tiefe Narbe am rechten Schienbein, Folge einer Messerstecherei.

„Das ist ein ganz niedrigschwelliges Angebot“, sagt Sozialarbeiterin Reti. „Viel Beziehungsarbeit durch die Krankenschwester.“ Was dabei hilft, ist nicht nur Schwester Christianes sehr menschliche Art, sondern auch das Prinzip, dass es in der Teestube alles aus einer Hand gibt.

Hier können die Durchreisenden ihre zwölf Euro Tagegeld abholen, hier können sie sich medizinisch versorgen lassen. Und wenn sie richtig krank sind, stellt Christiane Kraft ihnen eine „Wegeunfähigkeitsbescheinigung“ aus. Damit können sie ins Übernachtungsheim des Diakonischen Werks, ohne sechs Euro Verpflegungsgeld abgeben zu müssen. Und mit dem Behandlungsschein der Krankenschwester können alle Wohnungslosen direkt zum Arzt, ohne zuvor einen Gang zum Sozialamt einlegen zu müssen.

Diese unkomplizierte Art der Hilfe führt dazu, dass die Patienten tatsächlich erreicht werden. Andere Städte in der Region würden die Darmstädter darum beneiden, sagen Krankenschwester und Sozialarbeiterin, die sich in einem Arbeitskreis Ambulanzen der Wohnungslosenhilfe regelmäßig austauschen.

„Das Leben auf der Straße macht krank“, sagt Sozialarbeiterin Reti. Schlechte Ernährung, Hygiene und Ausstattung führen zu Infektionen, Pilzerkrankungen, Hauterkrankungen, offenen Wunden, Wundheilungsstörungen, weil Verbände zu spät gewechselt werden – die Liste ist unendlich.

25.000 Euro braucht die Gesundheitsambulanz jährlich, um alle Patienten zu versorgen. Der Landeswohlfahrtsverband übernimmt 13.000 Euro, der Rest muss über Spenden aufgebracht werden. Und weniger werden es nicht, die Hilfe brauchen. (rwb)

Die Gesundheitsambulanz, Alicenstraße 29, ist telefonisch unter 06151/7805214 zu erreichen. Sie ist viermal pro Woche eine Stunde lang geöffnet und wird einmal im Wohn- und Übernachtungsheim des Diakonischen Werks im Zweifalltorweg abgehalten.

Auch interessant

Kommentare